REZENSION

HARMONIES

  • Genre: Taktik-/ Legespiel
  • Jahr: 2024
  • Verlag: Libellud / im Vetrieb von Asmodee
  • Autor: Johan Benvenuto
  • Grafik: Maëva da Silva
  • Spieler: 1 bis 4 
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: ca. 30 bis 45 Minuten
  • Schwierigkeitsgrad: mittel
  • Taktiklevel: 7/10

Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!

Gebirge, Flüsse, Häuser, Felder und Bäume bilden die Grundlage für einen harmonischen Lebensraum. Wer die verschiedenen Landschaften in Formation bringt, kann zudem Tiere ansiedeln, die fortlaufend mehr Punkte bringen.

REGELN

Mischt die Tierkarten zu einem verdeckten Stapel und deckt fünf erste zufällige Karten als Kartenangebot auf. Gebt die Holz-Spielsteine (in sechs Farben) in den Beutel und zieht für jedes der Ablagefelder des allgemeinen Spielplans drei Steine zufällig heraus. Nehmt euch zudem jeweils ein eigenes Spielertableau, zunächst mit der grauen Seite nach oben.

Ziel des Spiels ist es, Landschaftsformationen auf dem eigenen Tableau zu erzeugen, indem die verschiedenfarbigen Spielsteine taktisch klug platziert und ggf. auch gestapelt werden. Es gibt:

  • Wasser (blau): Wasser-Steine werden nicht gestapelt. Der längste zusammenhängende Fluss bringt am Spielende Punkte in Abhängigkeit der Stein-Anzahl.
  • Felder (gelb): Auch Felder-Steine werden nicht gestapelt. Jede separierte Gruppe aus mindestens zwei gelben Steinen bringt am Spielende 5 Punkte.
  • Gebäude (rot): Diese Steine müssen auf Holz (braun), Gestein (grau) oder andere rote Steine gestapelt werden, um ein zweistöckiges Bauwerk zu bilden. Am Spielende bringt ein solches Bauwerk 5 Punkte, wenn mindestens drei verschiedenfarbige Steine um das Gebäude herum platziert wurden.
  • Gebirge (grau): Je nach Höhe des Gebirges (1 Stein / 2 aufeinander liegende Steine / 3 aufeinander liegende Steine) gibt es dafür 1 / 3 / 7 Punkte. Gewertet werden allerdings nur Gebirge, die mindestens an ein anderes Gebirge angrenzen.
  • Bäume (grün): Je nach Höhe des Baum (1 Stein / 2 aufeinander liegende Steine / 3 aufeinander liegende Steine) gibt es dafür 1 / 3 / 7 Punkte. Grüne Steine dürfen einzeln liegen, gestapelt werden dürfen sie allerdings nur auf Stämme (braun), die wiederum ohne grünen Stein als Abschluss keine Punkte bringen.


Neben der Landschaftswertung gibt es im Spiel auch noch die Tierwertungen, die über die Tierkarten ausgelöst werden. Jede Tierkarte besitzt mehrere Wertungsfelder, die nacheinander freigespielt werden können, wenn die Aufgabe der Karte (mehrfach) erfüllt wurde. So eine Aufgabe zeigt eine bestimmte Spielstein-Formation, also z.B. ein grüner Stein neben einem gelben oder ein 2er-Gebirge neben zweimal Wasser etc. Zusätzlich ist einer dieser Steine mit einem Tierwürfel markiert. Nur wenn der entsprechend markierte Stein auf dem eigenen Tableau noch frei ist (ohne Würfel), wird die Wertung ausgelöst, indem der Tierwürfel von der niedrigsten Punktezahl der entsprechenden Karte entfernt und auf den Stein gelegt wird. Mit Tierwürfeln belegte Steine können auch weiterhin zur Erfüllung von Aufgaben beitragen, allerdings können auf solchen Steinen keine weiteren Tierwürfel mehr abgelegt werden, sodass ein anderer Spielstein zur erneuten Erfüllung der Aufgabe nötig ist. Auch dürfen Spielsteine mit Tierwürfeln nicht mit anderen Spielsteinen überbaut werden.

Wie läuft das Spiel nun ab? Gespielt wird reihum. Bist du am Zug, 

  • musst du ein Ablagefeld des Spielplans auswählen und die drei Steine darauf an dich nehmen und anschließend auf deinem Tableau verbauen (auf freien Feldern oder ggf. auf anderen Steinen, sofern es den Legeregeln entspricht). 
  • darfst du pro Zug genau eine Tierkarte aus der Auslage nehmen und sie an dein Tableau anlegen, sofern dort noch Platz dafür ist (maximal vier Karten können da gleichzeitig liegen). Belege die Punktefelder der Karte mit den orangefarbenen Tierwürfeln.
  • darfst du Tierwürfel von deinen Tierkarten auf bereits platzierten Spielsteinen ablegen, wenn du die vorgegeben Formation der jeweiligen Karte erfüllt hast und der markierte Stein noch unbelegt ist, also noch kein Tierwürfel darauf liegt.


Hast du sämtliche Würfel von einer Karte entfernt, lege diese Karte vor dir ab. Der Slot am Tableau ist nun wieder frei für eine neue Karte.

Am Ende deines Zuges ziehst du drei neue Steine aus dem Beutel und legst sie auf das freie Feld des Spielplans. Außerdem füllst du ggf. die Kartenauslage wieder auf fünf Karten auf.

Gespielt wird, bis

  • auf einem Tableau nur noch zwei oder weniger freie Felder zu sehen sind ODER
  • der Beutel mit den Spielsteinen leer ist.


Die laufende Runde wird noch beendet, dann folgt die Schlusswertung. Jeder zählt die Punkte, die durch die verschiedenen Landschaftswertungen (s.o.) erzielt wurden. Noch vollständig mit Tierwürfeln belegte Karten im eigenen Besitz bringen keine Punkte. Karten, von denen bereits Tierwürfel entfernt wurden, bringen die zuletzt frei gespielte Punktezahl. Beiseite gelegte Karten, die vollständig von ihren Würfeln befreit wurden, bringen die höchste angegebene Punktezahl.

Alle Punkte werden auf dem Wertungsblatt notiert, und wer die meisten Punkte gesammelt hat, gewinnt.

Varianten:

  • Tableau-Rückseite: Die blaue Seite des Tableaus zeigt eine abweichende Anordnung der Spielfläche. Zudem gibt es hier eine neue Wasser-Wertung. Diesmal geht es nicht darum, einen möglichst langen Fluss zu bilden, sondern die dargestellte Landmasse in mehrere Inseln zu teilen. Jede Insel ist dann 5 Punkte wert.
  • Naturgeist-Karten: Vor Spielbeginn erhaltet ihr jeweils zwei Karten auf die Hand, von denen ihr eine auswählt und an euer Tableau anlegt. So eine Karte erhält einen transparenten Würfel. Wie auch bei den Tierkarten gilt: Wer die Aufgabe auf seiner Karte erfüllt hat, legt den Würfel auf den markierten Spielstein. Die Naturgeist-Karte wird dann bis zum Spielende beiseite gelegt. Diese Karten liefern keine fest vorgebene Punktezahl, sondern eine Option, am Spielende weitere individuelle Punkte zu erlangen, beispielsweise 2 Punkte extra für jeden Wasserstein oder Punkte für bestimmte Gruppen / Stapel von Steinen auf dem eigenen Tableau.
  • Auch ein Solospiel ist möglich.

GALERIE

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CHECKPOINT

PRO

  • herausforderndes Legespiel auf Kennerspiel-Niveau
  • abstrakte, aber sehr ästhetische Optik
  • schöne Kartenillustrationen


CONTRA

  • Glücksfaktoren entscheiden manchmal mit über das Spielgefühl
  • Karten und Tableaus wölben sich (Erstauflage)

MEINUNG

Kennt ihr das auch? Da liegt beim Spieletreff ein neues Spiel mit Sechseck-Plättchen auf dem Tisch und irgendjemand fragt ihm Vorbeigehen: „Ach, ist das wie Siedler?“. Ja, viele Spiele lösen einfach Assoziationen aus, die oftmals sogar ganz gut beschreiben, worum es in dem Spiel geht. Manchmal führen sie aber auch in die Irre. Als ich Harmonies zum ersten Mal auf den Tisch brachte, entdeckten die Zuschauer darin ein neues Azul, was der Stein-Auslage auf dem Gemeinschaftsspielplan geschuldet ist, die tatsächlich optisch an die Fliesenauswahl von Azul erinnert. Hier musste ich direkt intervenieren. Außer der ähnlichen Optik an dieser Stelle hat Harmonies rein spielerisch nichts mit Azul gemein.

Andere wiederum sahen in Harmonies ein neues Cascadia. Da muss ich dann sagen: Ja, das trifft es deutlich besser. Auch Spiele wie Akropolis, Mandala Stones oder Reef lassen sich durchaus im Konzept des neuen Legespiels wiedererkennen, aber Harmonies ist kein Abklatsch dieser Spiele, sondern punktet durch ein eigentständiges Konzept. Da Cascadia vom Spielgefühl vermutlich Harmonies am nächsten kommt, lohnt sich ein Vergleich. Wie auch bei Cascadia gilt es, Landschaften geschickt aneinanderzulegen und gewisse Vorgaben von Tieren zu erfüllen, um ihnen einen Lebensraum zu erschaffen. Die Umsetzung ist dabei jedoch eine andere, und schnell zeigt sich, dass Harmonies noch eine Schippe an Anspruch drauflegt.

Grundsätzlich sind die Regeln schnell verstanden, die Legeregeln für die unterschiedlichen Spielsteine sind auch nicht allzu kompliziert, wenn man kein absoluter Wenigspieler ist. Die Landschaftswertungen sind dabei nicht variabel, bis auf die kleine Änderung der Wasser-Wertung, wenn mit der Rückseite der Tableaus gespielt wird. Grundlegend mache ich also in jeder Partie dann irgendwie dasselbe, aber allein mit den Landschaftswertungen wird man vermutlich nie das Spiel gewinnen - zumindest teilten sich die Landschafts- und Tierwertungen bei uns im Punkte-Verhältnis recht gleichmäßig auf.

Die Tierwertungen sind dann auch das wirklich Besondere an diesem Spiel. Für sich genommen ist es kein Hexenwerk, eine vorgegebene Formation einer Karte nachzubauen, klar, die Krux sind aber die Tierwürfel, die mit zur Aufgabe zählen, und die einen bestimmten freien Stein verlangen. Um an die hohen Punkte einer Karte zu gelangen, muss ich eine Aufgabe mehrfach erfüllen, und das geht halt nur, wenn der mit einem Tierwürfel zu belegende Stein auch immer wieder an einer neuen Stelle zur Wertung beiträgt. Und da ich dann auch noch vier Aufgaben gleichzeitig erfüllen kann, hilft es nicht mehr, nur aus dem Bauch heraus zu spielen. Da ist auf jeden Fall eine gute Planung wichtig, und wenn die dann noch mit den Landschaftswertungen in Einklang gebracht werden muss, können auch schon mal die Köpfe rauchen. Harmonies kann ein echter Brainburner sein!

Ist das Spiel also ein echtes Denkspiel? Im Kern ja, gäbe es da nicht die diversen Zufallsfaktoren. Die Steine kommen zufällig ins Angebot, und wenn ich dringend auf zwei Wasser-Steine warte, aber keine gezogen werden, muss ich entweder weiter hoffen oder meine Pläne ändern. Auch das Kartenangebot ist mit Glück behaftet. Wer da Fortuna für sich gepachtet hat, erhält idealerweie Karten mit Aufgaben, die sich perfekt ineinander verschachteln lassen, sodass ein Stein der einen Aufgabe auch gleichzeitig einer anderen Aufgabe hilft, im besten Fall ist das sogar mehrfach möglich. Und dann gibt es die Pechvögel, die, wenn sie am Zug sind, keine so recht zueinander passenden Aufgaben finden wollen. Problematisch wird es auch, wenn im letzten Drittel nur schwierige Aufgaben in der Auslage liegen, deren Formationen die eigenen bereits gelegten Steine schon gar nicht mehr hergeben. Spielerisch kann ich mich dann immer noch auf die Landschaftswertungen konzentrieren, ja, dennoch wäre es schön gewesen, wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, die Kartenauslage aktiv austauschen zu können. Gerade im Spiel zu zweit fehlt es da manchmal ein wenig an Durchlauf.

Um Harmonies zu mögen, muss ich also mit solchen Einschränkungen klarkommen können. Meine Spielzüge sind meistens optimierender Natur, bedeutet: Ich muss das Beste aus dem machen, was mir angeboten wird. Und genau diese taktischen Überlegungen, die dann einsetzen bei der Frage, wie ich meine Punkte maximieren kann, sind es, die meinem persönlichen Spielgeschmack sehr gut entsprechen. Ich finde es jedes Mal aufs Neue reizvoll, eine Landschaft entstehen zu lassen, die mir vielleicht sogar einen neuen Highscore beschert. Dazu sieht das Spiel auch einfach wahninnig ästhetisch aus, trotz der im Grunde abstrakten Spielsteine. Einzig für die brauen Steine hätte sich mein innerer Monk noch irgendeine Bedruckung gewünscht, wenngleich wohl einfach dargestellt werden sollte, dass diese Steine am Spielende nie zur einer Wertung führen können, wenn sie aus der Vogelperspektive sichtbar sind.

Der Stil der Karten-Illustrationen ist wahrhaft künstlerisch. Da ist es dann etwas schade, dass sich bei der Erstauflage Karten und Tableaus wölben. Das ist kein Einzelfall unseres Exemplars, denn auch bei anderen Exemplaren tritt dieses Phänomen auf, was jetzt glücklicherweise keinen Einfluss auf die Spielbarkeit hat. Dennoch ist das so ein kleiner Bruch in der zuvor so gelobten Ästhetik. Hoffen wir da einfach mal, dass das nur ein Ausrutscher ist und in künftigen Auflagen nicht mehr auftritt.

Lassen wir diesen kleinen Kritikpunkt jetzt mal außen vor, da er fürs Spiels nicht relevant ist und die Optik dennoch grandios ist, dann kann ich nur sagen: Harmonies gefällt mir wirklich sehr gut - dafür gibt es von mir dann auch insgesamt sehr gute 8 Kultpunkte - wenn es so richtig gut läuft, auch mit Abweichungen nach oben, ja, und wenn mal so gar nichts zusammen passen will, gefühlt auch mal mit Abweichungen nach unten, aber die sind temporär. Ich mag das Spielkonzept, ich mag das Gesamtpaket.

Ein Hinweis zur Zielgruppe sei noch erlaubt. Der Verlag vermarktet Harmonies als Familienspiel. Da waren wir uns in unseren Spielrunden einig, dass diese Einschätzung gerade wenigspielende Personen durchaus überfordern kann. Ich und meine Mitspieler sehen Harmonies auf jeden Fall schon in der Kennerspiel-Kategorie. Von daher: Wer beispielsweise das Konzept von Kuhfstein mochte, aber sich noch eine zweite Ebene wünscht, dem sei Harmonies ans Herz gelegt - genau wie denjenigen, die von Cascadia begeistert sind und sich noch mehr Anspruch wünschen. Der ist bei Harmonies, trotz weniger Varianz als beim Spiel des Jahres 2022, absolut gegeben. Wenn vielleicht für den einen oder anderen kein absoluter Hype-Titel, so ist das Spiel für mich aber auf jeden Fall ein echtes Genre-Highlight unter den taktischen Legespielen!

VIDEO

Unser Video zum Spiel findet ihr auf YouTube:  https://youtu.be/cnPp0bgRmHM

KULTFAKTOR: 8/10

Spielidee: 8/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 7-8/10

EUER REZENSENT

INGO

Vielspieler, Skifahrer, Italien-Fan, Medienheini

Eine Rezension vom 05.05.2024

Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.

Bildnachweis:
Coverfoto: Libellud / Asmodee
Weitere Fotos: Spielkultisten