REZENSION
TURING MACHINE
- Genre: Denkspiel
- Jahr: 2023
- Verlag: HUCH! / Le Scorpion Masqué
- Autoren: Fabien Gridel, Yoann Levet
- Grafik: Sébastien Bizos
- Spieler: 1 bis 4
- Alter: ab 14 Jahren
- Dauer: ca. 20 Min.
- Schwierigkeitsgrad: mittel
- Initiativlevel: 8/10
Lochkarten oder App?
Alan Turing ist für viele Dinge berühmt, aber sein größter Erfolg war vermutlich seine Entschlüsselung der Enigma-Kodierung. In diesem abstrakten Deduktionsspiel nutzt ihr Lochkarten und einen Papiercomputer, um mit diversen Tests den Wettlauf um den dreistelligen Code zu gewinnen.
REGELN
Für jede Partie Turing Machine braucht ihr erstmal ein Szenario. 20 sind in der Anleitung beschrieben, aber einfacher ist es auf der Website, sich ein Szenario zu generieren. Dazu legt ihr fest, wie schwierig ihr es mögt und welchen Modus ihr spielt. Hierbei könnt ihr kooperativ oder kompetitiv wählen. Das kooperative Spiel könnt ihr euch selber herleiten, nachdem ich die Variante, in der ihr gegeneinander spielt, erklärt habe.
Das Szenario sagt euch, wie viele und welche Testkarten ihr braucht. Dies sind 4 bis 6 Testkarten, die alle unterschiedliche Eigenschaften vom Code prüfen können. Dazu kommen noch Lösungskarten für jeden Test.
Weiterhin braucht ihr je ein Blatt vom Block, um eure Ergebnisse und Schlussfolgerungen festzuhalten, einen Sichtschirm, Stift und einen scharfen Verstand. Die Lochkarten werden für alle bereit gestellt.
Jetzt geht es los. Ihr könnt euren Zug alle gleichzeitig durchführen:
Jeder wählt drei Lochkarten, die eine dreistellige Zahl zeigen, deren Ziffern die Zahlen 1 bis 5 sein können, z.B. 315. Die Lochkarten gibt es mehrfach, darum könnt ihr alles gleichzeitig machen. Bequemerweise haben die Lochkarten Farben und Symbole, die markieren, ob sie für die erste, zweite oder dritte Stelle verwendet werden. Hast du drei Lochkarten kombiniert, dann sollten diese übereinander gelegt nur noch ein durchgehendes Loch haben.
Mit dieser Zahlenkombination darfst du drei Tests machen. Du suchst dir einen Test aus, nimmst die Lösungskarte und hältst diese hinter deine Lochkarten. Jetzt siehst du einen Haken oder ein X. Ein Haken bedeutet, dass deine Nummer die gleiche Lösung wie der gesuchte Code liefert. Ein X bedeutet, dass dieses Ergebnis nicht das gleiche ist wie beim gesuchten Code.
Ein Beispiel: Wir nehmen die Zahl 315 und den Test „Ist die erste Ziffer gerade oder ungerade?“ Meine Zahl hat eine ungerade erste Ziffer. Ich erhalte ein X. Dies ist also nicht das gleiche Ergebnis wie der Code. Da es nur eine Alternative zu „ungerade“ gibt, nämlich gerade, weiß ich jetzt, dass die erste Ziffer eine 2 oder 4 sein muss, da dies die einzigen geraden Zahlen von 1 bis 5 sind.
Deine Tests musst du schriftlich festhalten. Du darfst bis zu drei Tests mit der selben Zahl machen, dann werden die Karten zurückgelegt. Jetzt wird überprüft, ob jemand den Code lösen möchte. Sollte niemand lösen wollen, so sucht ihr euch eure nächsten Lochkarten aus.
Wenn jemand lösen möchte, muss diese Person ihre Nummer aufschreiben und mit der Lösung kontrollieren. Es gibt dabei nur eine eindeutige Lösung. Liegt die Person richtig, hat sie gewonnen. Liegt sie falsch, scheidet sie aus. Seid ihr alle bis auf eine Person ausgeschieden, so gewinnt diese Person. Bei Gleichstand gewinnt, wer weniger Tests für die Lösung benötigte.
Es gibt einfache Szenarien, die dadurch oft mehr vom Glück abhängen, und schwierige Szenarien mit recht komplexen Tests. Wer es sehr herausfordernd mag, kann die Varianten wählen, bei denen ein Test mehrere Lösungskarten hat, von denen aber nur eine stimmt.
GALERIE
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CHECKPOINT
PRO
- Lochkarten
- Notizzettelstruktur
- pure Logik
CONTRA
- keine Interaktion
- Logik des Spiels nicht allen verständlich
- manche Testkarten bräuchten ausführlichere Beschreibung
MEINUNG
Alan Turing hat durch den Film The Imitation Game, in welchem er von Benedict Cumberbatch verkörpert wurde, in den letzten Jahren etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. Nicht nur schaffte Turing es, die Kodierung durch die Enigma-Maschine zu knacken, er entwickelte einen Test für die Annäherung von KIs ans menschliche Bewusstsein, und er erfand die Turing-Maschine. Diese Maschine erlaubte es automatische Lösungen für das Entscheidungsproblem zu liefern. Letzteres, muss ich aber gestehen, übersteigt klar mein mathematisches Wissen.
Leider lebte Turing zu einer Zeit im Vereinigten Königreich, als Homosexualität noch illegal war. Die daraus resultierende polizeiliche Verfolgung und emotionale Belastung resultierten dann in Turings Selbstmord.
Im Spiel Turing Machine liefern wir uns ein Wettrennen darum, dem Lochkarten-Computer einen dreistelligen Code zu entlocken. Dieses ist ein rein abstraktes Rätsel um Zahlen und verlangt logisches Denken. Wir sollten uns klug unsere Zahl aussuchen, um möglichst viele aussagekräftige Tests durchführen zu können. In manchen Szenarien kann auch einfach ein glückliches Händchen entscheiden.
Es ist spannend, wie schnell man Zahlen mit relativ wenigen Informationen ausgrenzen kann. So haben wir bei den einfachen Aufgaben meist nach zwei Runden, also fünf bis sechs Tests, die Lösung herausgefunden. Mein Rekord ist tatsächlich eine Runde, als ich einmal richtig Glück hatte. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es eine eindeutige Lösung gibt. Dies ist selbst auch ein Tipp. Sollte der letzte Test nur ein Ergebnis haben, dass eine eindeutige Zahl erlaubt, muss dieses das richtige sein.
Wer es gerne herausfordernder mag, und wir wollten das, der sollte sich schnell Aufgaben von der Webseite statt der Anleitung geben lassen. Hier kommen dann auch komplexere Teste ins Spiel. Für diese mussten wir die Beschreibung genau lesen. Da wäre ein Beispiel in der Anleitung schön gewesen. So gibt es jetzt zum Beispiel Tests, die eine Zahl auf gerade oder ungerade testen, aber wir wissen nicht, welche. Der Computer weiß, dass z.B. die erste Ziffer gerade sein muss. Testen wir die 315, so erhalten wir ein X, denn schließlich ist die erste Ziffer eine 3 und damit ungerade. Wir wissen dann aber nicht, welche Ziffer der Computer getestet hat, aber wir wissen, dass eine Ziffer gerade sein muss, denn alle unsere Ziffern waren ungerade und der Computer mochte das nicht. Wenn ich nun wirklich wissen muss, welche Ziffer gerade sein muss, so sollte meine nächste Kombination mindestens eine gerade Ziffer enthalten, z.B. 415. Wenn ich jetzt bei diesem Test ein Häkchen bekomme, so testet der Computer, ob die erste Ziffer gerade ist.
Die komplexeren Szenarien fühlen sich besser an, weil dort Spielzeit und Verwaltung in einem viel besseren Verhältnis stehen. Wenn ich erst Testkarten 5, 13, 17, 21 und 28 raussuchen muss und dann die Lösungskarten 312, 452, 461, 465 und 520, dann ist die Gefahr für Fehler einfach hoch. Bei den einfachen Szenarien war ich mit dem Raussuchen der Karten länger beschäftigt als mit der Deduktion. Das wäre als App einfacher gewesen: leine Verwaltung, sondern pures Rätseln. Am Ende gibt es dann eine Statistik, wie viele Tests andere Leute so gebraucht haben.
Interaktion ist in diesem Spiel ungefähr so, wie einen Krimi zusammen schauen. Ihr habt ein gemeinsames Erlebnis, aber beeinflusst euch nicht gegenseitig. Es ist ganz schön, wenn man gemeinsam stöhnt, wie komplex es dieses Mal ist, oder dass man noch keine Ahnung hat und die Tests bisher nicht helfen. Am Ende kannst du dich freuen, die erste Person zu sein, die auf die Lösung gekommen ist. Wenn euch das reicht, dann ist Turing Machine sicher gut für eure Gruppe. Die erfolgreichen Deduktionsspiele Cryptid, Die Suche nach Planet X oder sogar das klassische Cluedo bieten da allerdings mehr Interaktion.
Der Lochkartencomputer ist sicherlich sehr interessant als Mechanismus, trägt aber zum Spielerischen nichts bei, was eine App nicht gekonnt hätte, weswegen er quasi eher ein Gimmick ist, und da bleibt die Frage, wie lange ihr dieses bewundern werdet. Der eigentliche Star des Materials sind die Notizzettel, denn diese sind so gestaltet, dass jemand, der diesen auch gewissenhaft ausfüllt, wirklich eine Hilfe beim Schlussfolgern hat.
Das Logikrätsel selbst ist dabei schon spaßig und kann mit steigender Schwierigkeit wirklich herausfordernd werden. Ich habe noch keine Idee, wie ich Rätsel mit mehreren Lösungskarten pro Test schaffen soll.
Fazit: Der Verwaltungsaufwand und der Mangel an Interkation machen Turing Machine für mich zu einem eher nüchternen Erlebnis, welches mit App vermutlich deutlich kurzweiliger gewesen wäre, denn die Logikrätsel selber sind schon gut. Als Multiplayer-Spiel bekommt Turing Machine von mir daher 6 Kultpunkte.
KULTFAKTOR: 6/10
Spielidee: 6/10
Ausstattung: 8/10
Spielablauf: 7/10
EUER REZENSENT
LUTZ
Wahl-Niederländer, Elektrochemiker, Zuvielspieler, Rätselenthusiast
Eine Rezension vom 01.10.2023
Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.
Bildnachweis:
Coverfoto: HUCH! / Le Scorpion Masqué
Weitere Fotos: Spielkultisten