REZENSION
DIE BLUMENSTRAßE
- Genre: Strategiespiel
- Jahr: 2024
- Verlag: Giant Roc, Board & Dice
- Autor: Dani Garcia
- Grafik: Pedro Codeço, Zbigniew Umgelter
- Spieler: 1 bis 4
- Alter: ab 14 Jahren
- Dauer: ca. 45 bis 90 Minuten
- Schwierigkeitsgrad: mittel
- Taktiklevel: 8/10
Gepflanzt wie gedreht
Die Niederlande im späten 19. Jahrhundert. Über 9000 Windmühlen verteilen sich über das Land, viele davon wurden für die Entwässerung der Niederungen, der sogenannten Polder, gebaut. An der Blumenstraße entstehen riesige Tulpenfelder, die wir in diesem Spiel bewirtschaften.
REGELN
Nachdem ihr den Spielplan mit ersten Karten und Plättchen bestückt, ihr euch einen Start-Marktbereich ausgesucht und euer eigenes Tableau vorbereitet habt, wählt ihr jeweils eine Start-Ausbaukarte, die euch direkt ab Spielbeginn einen Vorteil für eine bestimmte Aktion gewährt. Die übrig gebliebene, nicht gewählte Startkarte wird zum „Wunsch der Königin“, einem öffentlichen Auftrag, den jeder einmal im Spiel erfüllen kann, allerdings in Form eines Wettrennens, heißt: Wer den Auftrag schneller erfüllt, bekommt auch mehr Punkte. Je nach Spielerreihenfolge erhält jeder eine Tulpenzwiebel in einer von fünf Farben. Außerdem bekommt jeder ein Werkzeug-Plättchen und ein Startkapital (je nach Reihenfolge 4 oder aufsteigend mehr Gulden).
Gespielt wird reihum. Wer am Zug ist, darf zunächst die Schleuse bedienen, um die eigenen Mühlenräder um 1 bis 3 Segmente weiterzudrehen. Wer die Schleuse von Stufe 1 auf Stufe 2 oder auch auf Stufe 3 verändert, zahlt dafür Geld, erhält aber auch Punkte. Auf Stufe 2 und Stufe 3 steigt zudem automatisch der Wasserstandsanzeiger. Die Schleuse verbleibt dann für die nächste Person in der Zugreihenfolge in dieser Position. Freiwillig kann, spätestens wenn der Wasserstand zu hoch ist, muss die Schleuse dann auch wieder geschlossen werden, heißt, von einer höheren Stufe auf eine niedrigere gezogen werden. Das Einstellen der Schleuse ist dabei von entscheidender Bedeutung, welche Aktionen im eigenen Spielzug zur Auswahl stehen.
Je nach Schleusen-Position stellt die aktive Person nun ihre Mühlenräder ein, dreht sie also um mindestens ein Segment, maximal, ergänzt durch Werkzeug-Plättchen, um vier Segmente. Die beiden Pfeile auf dem eigenen Tableau geben dann vor, welche beiden Aktionen (eine vom großen, eine vom kleinen Rad) zur Auswahl stehen. Die gewählte Aktion wird dann im Anschluss sofort durchgeführt, dann ist die nächste Person an der Reihe und stellt wieder zunächst die Schleuse ein (oder belässt sie an ihrer Position).
Folgende Aktionen stehen zur Auswahl, oftmals durch eine nebenstehende weiße Zahl gleich mehrfach:
- Markt: Für jede Marktaktion wird der eigene Marker (teils gegen Bezahlung) in den nächsten Markt-Bereich gezogen. Dort gibt es nun eine von mehreren Belohnungen zur Auswahl: Tulpenzwiebel in einer bestimmten Farbe, die ins eigene Lager gelegt wird (je nach Lagerposition auch gegen Bezahlung), Anpflanzen einer Tulpe in einer bestimmten Farbe. Die gewählte Belohnung wird dann so oft durchgeführt, wie Aktionsfelder in diesem Bereich belegt sind (maximal drei Felder, also dreimal). Vor der Bewegung kann (gegen Bezahlung) auch ein neutraler Marker in einen Marktbereich gezogen werden, um die Aktion zu verstärken. Ein komplett gefüllter Bereich wird übersprungen, alternativ kann auch ein bereits besetztes Feld belegt werden, wenn die aktive Person einen Gulden an die Person zahlt, die das Feld bereits belegt.
- Pflanzen: Für jede Pflanzaktion wird eine Tulpenzwiebel aus dem eigenen Lager in eine der vier Tulpenfeld-Reihen verschoben. Die Reihen können frei gewählt werden, jede Reihe wird von links nach rechts gefüllt. Überdeckte Boni (Geld, Verbesserungen, eine Wertung eines bereits angenommenen Auftrages etc.) werden direkt ausgezahlt.
- Fernhandel: Hier wird eine Tulpe aus dem eigenen Lager auf ein Verbindungsfeld der öffentlichen Fernhandelskarte gelegt. So werden beide angrenzende Boni aktiviert. Auf der Fernhandelskarte dürfen allerdings nur verschiedenfarbige Tulpen liegen. Alternativ können bereits platzierte Tulpen auch einfach mit dieser Aktion von der Karte entfernt und eine beliebige Anzahl ins eigene Lager gelegt werden.
- Mühle bauen: Mit dieser Aktion wird eine beliebige Mühle vom eigenen Tableau entfernt und auf dem Spielplan platziert, zunächst auf einem kostenlosen Bauplatz, angrenzend zum Markt, später auch auf Bauplätzen, die über Wege mit bereits gebauten Mühlen mit dem Markt verbunden sind. Die weiter hinten liegenden Bauplätze kosten dann jedoch auch Geld. Zudem schenken sie den Besitzern fremder Mühlen jeweils einen Punkt, wenn diese für die Verbindung zum Markt genutzt werden. Es muss immer die kürzeste Verbindung zum Markt genutzt werden.
- Farm-Verbesserung erhalten: Mit dieser Aktion wird eine der ausliegenden Karten ausgewählt und entweder als Helfer (dauerhafte Vorteile) oder als Auftrag (Siegpunkte am Ende des Spiels) ans eigene Tableau angelegt. Zuvor kann die Auslage für 1 Gulden ausgetauscht werden. Die Helfer-Slots werden von links nach rechts gefüllt und liefern zudem bei der Erstbelegung Punkte. Bereits angenommene Karten können später auch ausgetauscht werden.
- Mühlenrad-Verbesserung erhalten: Mit dieser Aktion wird eines der ausliegenden Plättchen ausgewählt (je nach Farbe auch bezahlt) und auf ein Segment eines eigenen Mühlenrades gelegt. Zuvor kann die Auslage für 1 Gulden ausgetauscht werden. Ab sofort gilt dann auf dem gewählten Segment die Aktion des Plättchens. Neue Plättchen dürfen allerdings nie auf die beiden gerade aktiven Felder gelegt werden. Durchaus können bereits belegte Segmente aber später wieder ausgetauscht werden.
- Wasserstand senken: Für jede dieser Aktionen gibt es den Bonus des Bereiches, in dem sich der Wasserstandsanzeiger gerade befindet (Geld und / oder Punkte). Im Anschluss wird der Wasserstand um die Anzahl der Aktionen gesenkt, der Marker also nach links verschoben.
Sobald das eigene große Mühlenrad eine komplette Drehung vollführt hat (die rote Markierung also die Markierung auf dem Tableau erreicht oder überschritten hat), rückt der eigene Marker auf der Kalenderleiste in die nächste Spalte. Dort gibt es dann einen Standard-Bonus, ergänzt durch einen Bonus, der umso höher ausfällt, je früher ein Marker gegenüber denen der mitspielenden Personen dort eintrifft.
Zieht ein Marker in die letzter Spalte der Kalenderleiste, wird die laufende Runde zu Ende gespielt, gefolgt von einer Abschlussrunde. Nun folgt die Schlusswertung:
- Jeder angenommene Auftrag bringt Punkte entsprechend seiner erfüllten Vorgabe (z.B. für eine komplette Reihe aus roten Tulpen, für gebaute Windmühlen neben gelben Bonusfeldern, für jede graue Mühlenrad-Verbesserung etc.)
- Jede komplett gefüllte Tulpenreihe auf dem eigenen Tableau bringt Punkte. Ist die Tulpenreihe einfarbig gefüllt, gibt es mehr Punkte, als wenn sie in gemischten Farben gefüllt wurde.
- Jede komplett gefüllte Tulpenspalte auf dem eigenen Tableau bringt Punkte, wenn die Tulpen in den vier beteiligten Reihen verschiedenfarbig sind. Doppelt sich hier auch nur eine einzige Farbe, gibt es Minuspunkte.
- Jeder freigespielter Bereich aus verbauten Mühlen bringt die angegebenen Punkte für jede gepflanzte Tulpe in der vorgegebenen Farbe.
Wer die meisten Punkte erspielt hat, gewinnt.
Das Spiel bietet auch einen Solo-Modus, der im Rahmen dieser Rezension jedoch nicht getestet wurde.
GALERIE
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CHECKPOINT
PRO
- interessante Aktionsauswahl
- taktisches Timing
- tolle Bonus-Kombinationen
- belohnendes Spielgefühl
- tolles Spielmaterial
CONTRA
- Fest vorgegebene Boni und die Schlusswertung können teilweise eine sich wiederholende Taktik verursachen
MEINUNG
Windmühlen, Tulpen ... fehlt nur noch der Käse, um das Klischee der Niederlande perfekt zu machen, oder? Nein, das ist natürlich gar kein Klischee, denn zu der Zeit, in der Die Blumenstraße spielt, waren die Windmühlen, die heute oft als historische Relikte in Form eines Museums bewundert werden können, noch Alltag.
Spontan muss ich beim Cover direkt an ein kleines Würfelspiel denken, das vor ein paar Jahren erschien: Tulpenfieber. Auch da entstanden bunte Felder mit Tulpen. Leider war das ein Spiel, das bei mir keine guten Erinnerungen hinterließ. Schafft es nun ein großes Strategiespiel, doch noch ein Tulpenfieber bei mir auszulösen? Die Antwort gebe ich direkt vorab: Ja, Die Blumenstraße schafft das tatsächlich, und das sogar grandios!
Das Thema wurde hier wirklich schön umgesetzt. Dass die Geschwindigkeit der Mühlenräder, die sich auf dem eigenen Tableau wie Zahnräder gegenläufig drehen, beim Vorbild vom Wasserstand abhängig ist, ist logisch, und so steuern wir also unsere Räder über die Schleuse, mit der sich beide Räder auf jeden Fall stets ein Segment, vielleicht aber auch mehr Segmente weiterdrehen. Ich kann dabei von anderen Personen profitieren, die sich die Geschwindigkeit erkauft haben, ich kann sie selber forcieren und so auch noch gegen Bezahlung Punkte machen, andererseits kann ich sie aber auch freiwillig reduzieren, wenn ich ansonsten wichtige Aktionen überspringen würde. Auch mit dem Einsatz des Werkzeuges lässt sich die Aktionsauswahl manipulieren.
Im Spiel ist Timing gefragt, damit ich gewünschte Aktionskombinationen erreiche. Langsames Spielen ermöglicht es mir, viele Aktionen durchzuführen. Allerdings ist Die Blumenstraße als Wettrennen angelegt. Was sich im Spiel zu zweit noch weniger deutlich zeigt, fällt ab dem Spiel zu dritt mehr ins Gewicht. Beim Voranschreiten auf der Kalenderleiste geht dann nämlich der Letzte leer aus, was den Zusatzbonus betrifft. Jetzt mag dieser nicht unbedingt über den Sieg entscheiden, okay, aber auch, wenn jemand schnell aufs Spielende hin spielt, kann das die Pläne anderer Personen durchkreuzen, da ihnen dann vielleicht einfach Spielzüge fehlen, die sie für die Umsetzung ihrer Strategie noch benötigt hätten. Umgekehrt hatten wir auch mal Partien, in denen niemand die Schleuse aktiv benutzte, einfach, weil alle Personen der Meinung waren, lieber in kleinen Schritten vorangehen zu wollen. Da die Aktionen auf dem großen Mühlenrad jedoch bei jedem Tableau anders verteilt sind, wird es nie passieren, dass andere Personen die Taktik anderer Personen blind kopieren können.
Die Aktionen im Spiel sind dabei für die anvisierte Zielgruppe nicht schwer zu verstehen, aber schön verzahnt. Akuter Geldmangel kann da auch mal zu einem kurzfristigen Umschwenken der Pläne führen, allerdings wird man in der Blumenstraße nie in einer echten Sackgasse landen. Selbst, wenn man wirklich einmal gar nichts machen kann, bekommt man noch Geld geschenkt. Und auch sonst ist das Spiel sehr großzügig, was Boni angeht. Egal, welche Aktion ich wähle, bekomme ich immer irgendetwas Nützliches. Durch taktisches Spielen sind da auch tolle Aktionskombinationen möglich, die sich dann so richtig gut anfühlen. Die Idee, die Mühlenräder durch variable Segmente im Spiel immer stärker zu machen bzw. sie den eigenen Ideen anpassen zu können, gefällt mir wirklich sehr gut.
In jedem Spielzug habe ich dann die Qual der Wahl. Ich habe immer mehrere Optionen beim Drehen der Räder und muss mich dann (meistens) für eine der beiden Räder-Aktionen entscheiden. Erst später kann ich mir auch Segmente beschaffen, die beide Räder kombinieren. Da die Räder jedoch eine unterschiedliche Anzahl an Segmenten besitzen, entstehen dann immer neue Aktions-Kombinationen. Genauso muss ich mich beim Windmühlen-Bau entscheiden, welchen Bauplatz ich wähle und damit, welche Aktionsboni ich erhalte; beim Fernhandel habe ich ebenfalls mehrere Bonus-Kombinationen zur Auswahl, beim Markt ebenso, und die Karten können sowohl für ständige Vorteile im Spiel, als auch für die essenziellen individuellen Aufträge verwendet werden. Beim Bepflanzen der Tulpenfelder habe ich wiederum die Wahl, welche Reihen ich in welcher Reihenfolge pushe, um Bonusfelder in einer sinnvollen Abfolge zu verdecken. Ja, da lacht das Herz eines Planungs- und Optimierungs-Fans.
Das Spielmaterial unterstützt den guten Eindruck. Das sieht nicht nur alles sehr ansprechend aus, das ist auch praktisch, dank Double Layer, und es funktioniert auch technisch ohne Probleme.
Wenn man etwas an der Blumenstraße kritisieren könnte, dann vielleicht, dass die Hauptwertungen am Spielende nicht allzu variabel sind. Die Punkte, die ich für die verschiedenen Tulpenfarben freispielen kann, sind stets die selben. Das gilt auch für die Bonus-Verteilung in den Tulpenreihen und auf dem Spielplan. Das kann bei häufigem Spielen durchaus dazu führen, dass man versucht, erprobte Abläufe zu wiederholen. Durch die Helfer, die Verbesserungen der Räder und vor allem durch die individuellen Aufträge, die ihr euch unbedingt beschaffen solltet, um bei der Wertung nicht abgehängt zu werden, kommt jedoch eine schöne Asymmetrie ins Spiel. Da diese Elemente mit einem gewissen Glücksfaktor ins Spiel gelangen, verhelfen sie dem Spiel dann letztlich doch dazu, es nicht immer auf exakt dieselbe Weise spielen zu können, man muss die Taktiken, auch wenn man ein bestimmtes Grundgerüst nutzt, schon auch anpassen. Mir persönlich reichen diese Stellschrauben aus, dennoch könnten sich Hardcore-Strategen an dieser Stelle auf Dauer vielleicht noch mehr Varianz wünschen. Eine Erweiterung könnte da dann irgendwann Abhilfe schaffen.
Ich (und viele meiner Mitspieler) sind auf jeden Fall begeistert von der Blumenstraße. Die Planung der eigenen Aktionsabfolgen auf den Rädern, das Auslösen der diversen Boni - all das trifft genau meinen Spielgeschmack. Und es ist glücklicherweise mal kein Spiel, bei dem wir gegen Bestrafungen ankämpfen müssen, im Gegenteil. Die vielen Goodies erzeugen stets ein rundum positives, sehr belohnendes Spielgefühl. Für mich ist Die Blumenstraße mit den kleinen genannten Abzügen in der B-Note ein nahezu perfektes Spiel, dem ich sehr gern richtig starke 9 Kultpunkte gebe. Für Genre-Fans eine klare Empfehlung!
VIDEO
Unser Video zum Spiel findet ihr auf YouTube: https://youtu.be/hIZWwpXrurI
KULTFAKTOR: 9/10
Spielidee: 9/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 8/10
EUER REZENSENT
INGO
Vielspieler, Skifahrer, Italien-Fan, Medienheini
Eine Rezension vom 08.09.2024
Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.
Bildnachweis:
Coverfoto: Giant Roc
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