REZENSION
ORLOJ
- Genre: Strategiespiel
- Jahr: 2025
- Verlag: Perro Loko Games (deutsche Version bei Frosted Games geplant)
- Autoren: Abraham Sanchez Hermida, Paloma J. Pascual
- Grafik: Jesús Fuentes, Amelia Sales
- Personen: 1 bis 4
- Alter: ab 14 Jahren
- Dauer: ca. 40 bis 120 Minuten
- Schwierigkeitsgrad: mittel bis hoch
- Taktiklevel: 8/10
Komplexes Prager Uhrwerk
Die berühmte astronomische Uhr des Rathauses am Altstädter Ring in Prag ist ein wahrer Touristenmagnet. Spätestens, wenn zur vollen Stunde der Hahn kräht und sich die zwölf Apostel zeigen, wird die prachtvolle Orloj immer wieder neu bewundert. Im Spiel geht es für uns zurück ins Mittelalter, denn die Fertigstellung dieses Kunstwerkes liegt im unseren Händen.
Hinweis vorab: In dieser Regelbeschreibung gebe ich den Spielablauf in verkürzter Form wieder. So soll ein Überblick entstehen, was im Spiel möglich ist. Die Beschreibung ersetzt nicht die Anleitung! Die Anleitung ist (Stand: November 2025) bislang in englischer und spanischer Sprache verfügbar, das Spiel an sich ist sprachneutral. Eine deutsche Version des Spiels ist für 2026 bei Frosted Games geplant.
REGELN
Bereitet den Spielplan inkl. Kalenderplättchen, angepasst an die Personenzahl, vor. Nehmt euch jeweils ein eigenes Tableau, die fünf Zahnradteile mit der intakten Seite nach oben sowie, je nach Personenzahl, 4 oder 5 erste verfügbare Arbeiter. Weitere 9 Arbeiter könnt ihr an verschiedenen Stellen des Spiels freischalten.
Erhaltet jeweils ein Set aus einer Hammerkarte, die ihr an euer Tableau anlegt, sowie einer Startressourcenkarte. Nehmt euch entsprechend erste Ressourcen, geht erste Schritte auf den Meisterleisten, wertet Produktionsmarker auf, erhaltet erste Apostel oder beschädigt direkt erste Zahnradteile.
Im Spiel gibt es drei Basis-Ressourcen: Farbe, Holz und Eisen, dazu die Spezial-Ressourcen Gold und Münzen, die an manchen Stellen gefordert werden, die aber jederzeit auch als Joker für eine Basisressource zählen.
Gespielt wird reihum. Bist du am Zug, kannst du entweder einen Arbeiter auf der Uhr platzieren oder passen.
Platzierst du einen Arbeiter, drehst du zunächst den Zeiger auf dem Ziffernblatt um ein Segment weiter, durch entsprechenden Fortschritt können das auch mehrere Segmente sein. Du kannst aber weitere Schritte auch durchs Umdrehen von intakten Zahnradteilen an deinem Tableau forcieren, ebenso Drehungen des Zifferblattes in die Gegenrichtung. So stellst du dir ein Paar aus zwei Aktionsfeldern zusammen, die du dann in beliebiger Reihenfolge nutzt.
Die Felder auf dem inneren Ring bringen dir Fortschritte auf den Leisten, diese wiederum Boni wie Schriftrollen, die einmalig genutzt werden können oder das Freischalten von Vorteilen im Spiel, auch Wertungsmöglichkeiten über die Vorgaben der variablen Buntglasfenster. Zudem gibt es auf dem inneren Ring auch noch Aktionsfelder, die die Produktion einer Basisressource liefern, im Ertrag abhängig von der Stufe des jeweiligen Produktionsmarkers.
Auf dem äußeren Ring gibt es dann weitere Aktionen:
- Apostel nehmen: Ich nehme, nachdem ich ggf. die Auswahl durchs Beschädigen von Zahnradteilen verändert habe, einen Apostel. Den kann ich im eigenen Lager zwischenlagern und jederzeit auf ein farblich passendes Feld meines Tableaus legen, wenn ich die Kosten der entsprechenden Zeile zahle. Platzierte Apostel bringen Sofortboni (z.B. Münzen oder weitere Arbeiter), zusätzliche Boni beim Komplettieren einer Zeile oder Spalte, u.a. Punkte oder die Mond- oder Maler-Bewegung, die auf ihren eigenen Scheiben weitere Boni generieren, jeweils in Abhängigkeit des entsprechenden Markers auf der Meisterleiste.
- Bildhauer platzieren: Ich platziere meinen Bildhauer an einem neuen Ort und erhalte die Aktion der Aktionsstufe, die ich mir mit meinen Marker auf der entsprechenden Meisterleiste erspielt habe.
- Werkstatt ausbauen: Ich zahle die geforderten Ressourcen, um eine Werkstatt-Karte vor mir auszulegen bzw. an bestehende Karten anzulegen. Vervollständige ich passende Bonushälften, erhalte ich die jeweilige Aktion als Bonus. Jede Karte liefert zudem einen Soforteffekt und bietet, gegen erneute Bezahlung, auch Platz für einen Experten, der wiederum eigene Punkte am Spielende generiert, in den meisten Fällen durchs Erfüllen einer bestimmten Vorgabe.
- Bauen: Um einen Teil des Kalenders der Rathausuhr fertigzustellen, schaue ich auf die aktuelle Stufe meiner Hammerkarte für einen Soforteffekt. Zudem bestimmt der Marker, um wie viele Schritte einer der beiden Konstruktionsmarker vorangezogen werden darf. Angrenzende Plättchen lassen sich durch Abgabe von Ressourcen bauen, je mehr Plättchen bereits gebaut wurden, umso teurer werden die weiteren Plättchen. Baue ich, erhalte ich 2 Punkte pro bezahlter Ressource und 2 Punkte für eine einzelne Positionierung des Plättchen auf dem Kalender, weitere 2 Punkte pro Plättchen in dieser eigenen Gruppe, die untereinander verbunden ist.
Zusätzlich zu den Hauptaktionen könnt ihr auch jederzeit Nebenaktionen eurer Wahl ausführen, u.a. Wertungsziele der Buntglasfenster erfüllen in Form eines Wettrennens.
Sowohl durch die Apostelaktion als auch durchs Passen (um Arbeiter zurückzunehmen und für Mond-Boni) wandert der Hahn auf seiner Leiste voran. Auf dem letzten Feld kommt es zum Hahnenschrei. Je nach Steigerung des eigenen Hahn-Markers könnt ihr beschädigte Zahnradteile reparieren und, je nach Differenz, Plus- oder Minuspunkte erhalten.
Das Spiel endet nach dem vierten Hahenschrei oder wenn alle Teile des Kalenders gebaut wurden. Spielt noch bis zur Person rechts von der Startperson. Dann folgt die Schlusswertung:
- Tauscht übrige Ressourcen in Gold und erhaltet pro Gold 1 Punkt.
- Wertet die Punkteoptionen der Buntglasfenster auf den Meisterleisten aus, je nach Position eurer Marker.
- Erhaltet die Punkte von eventuell erfüllten Wettrennen-Wertungszielen.
- Erhaltet die individuellen Punkte eurer Experten.
- Beschädigte Zahnradteile kosten euch nochmals Punkte.
Die Person mit den meisten Punkten gewinnt.
Das Spiel beinhaltet zudem Regeln für das Solospiel.
GALERIE
Anklicken / Antippen für Komplettansicht
CHECKPOINT
PRO
- unverbrauchtes Thema
- schön verzahnte Mechanik
- interessante Aktionsauswahl
- viele Bonus-Möglichkeiten
- mehrere verschiedene Wertungsoptionen
CONTRA
- Spieldauer hängt von der Spielweise ab
MEINUNG
Zur goldenen Stadt Prag habe ich ein inniges persönliches Verhältnis. Ja, unsere Studienfahrt vor dem Abi war legendär, und ich habe mich da direkt in Tschechiens Hauptstadt verliebt. Der Mix aus prachtvollen Gebäuden, der pittoresken Gemütlichkeit und dem auch oft vorhandenen gegensätzlichen morbiden Charme hat mich einfach in den Bann gezogen. Und wer jemals in Prag war, wird auch die Orloj, die Rathausuhr am Rande des Altstädter Rings, bewundert haben, ein wahres Meisterwerk. Zur vollen Stunde, wenn der Hahn kräht, zeigen sich die zwölf Apostel, wenn sie sich durch zwei kleine Fenster drehend dem Publikum zuwenden. Ein ungewöhnliches Thema also für ein Strategiespiel, denn wir erschaffen diese Uhr durch eine wortwörtlich verzahnte Mechanik.
Nun schaue ich bei neuen Spielen, nachdem ich sie selbst gespielt habe, gern mal über den Tellerrand, im konkreten Fall ist mir dann ein Video eines österreichischen Kollegen angezeigt worden, Grüße an dieser Stelle! Und dieses Video war wenig positiv gestimmt, die Spielmechanik, insbesondere das spezielle Worker Placement wurde da sogar als Designfehler, irgendwie als broken einsortiert, es fehle an Druck und Bestrafung, was das Einsetzen der eigenen Arbeit angeht. Stimme ich dem zu? Ihr seht es schon an meiner Bewertung: Nein, auf keinen Fall stimme ich dieser Kritik zu! Was stimmt, ist, dass es bei Orloj keine festgelegte Anzahl an Spielzügen pro Runde gibt. Die Passen-Aktion ist, wenn man geschickt spielt, nicht ein einziges Mal in einer Partie nötig, sie kann aber manchmal sogar vorteilhaft sein.
Aber ist es ein Manko, wenn man nicht passen muss oder keine Strafe erhält, wenn man ein bereits besetztes Feld neu belegt? Für mich definitiv nicht, denn Orloj legt den Fokus auf andere Dinge, und zudem ist durchaus auch Worker-Management nötig, denn ich benötige meine Figuren sowohl für die Aktionen auf der Uhr als auch für Wertungsoptionen, sei es bei den Zielen oder beim Kalender. Je mehr Figuren man dort einsetzt, umso weniger bleiben einem für Aktionen, und wenn ich Arbeiter zurückhole, dann immer lieber vom Aktionsrondell als vom Kalender, einfach, weil mich das mitunter um Zusatzpunkte bei künftigen Wertungen bringen kann; wer aneinander angrenzend baut, bekommt schließlich mehr Punkte. Ich finde dieses Worker-Rotationsprinzip sehr reizvoll, und sowieso bietet Orloj viele taktische Möglichkeiten, die es zu berücksichtigen gilt. Da muss ich nicht auch noch unnötig mit Strafen belästigt werden. Von daher: Für mich ist diese Mechanik gut so, wie sie ist.
Das Spiel an sich mag dann am Anfang vielleicht noch überfordern, auch weil es zunächst eine optische Reizüberflutung auf dem bunten Spielplan geben mag. Als Erklärer ist es hilfreich, den Mitspielenden zunächst die verschiedenen Sektionen des Plans näherzubringen. Recht schnell finden sich erfahrene Spielerinnen und Spieler, an die sich Orloj richtet, ins Spiel ein.
Möchte ich nicht passen, drehe ich an der Uhr, um mir meine Aktionen zusammenzustellen. Je weiter ich meine Fortschrittsleisten steigere, umso flexibler bin ich im Spiel. Eine Ausweichmöglichkeit sind dann aber auch immer noch die Abweichungs-Zahnradteile, mit denen Bewegungen bzw. Aktionen im Spiel manipuliert werden können. Da jeder nur fünf davon hat, sollte man diese Teile regelmäßig reparieren – um Minuspunkte zu vermeiden, aber auch, um nicht irgendwann dem Spiel ausgeliefert zu sein. Man kann nicht feststecken, aber dann durchaus Aktionen machen müssen, die einem vermeintlich weniger weiterhelfen.
Ich kann mich im Spiel dem Fortschritt widmen – für dauerhafte Vorteile oder auch variable Wertungsoptionen. Ich kann Karten kaufen, um die Wertungsoptionen der Experten nutzen zu können. Ich kann Boni und Punkte über geschicktes Platzieren der Apostel holen, ich kann das Wettrennen um Punkte bei den weiteren variablen Wertungszielen aufnehmen, vor allem aber werde ich am Kalender bauen, denn da sind viele Punkte möglich.
Die Bauaktion ist die komplexeste, auch wenn sie immer noch gut verständlich ist. Dennoch muss ich hier Bewegung, Ressourcenmanagement und taktisch geschicktes Platzieren durchdenken, da verbundene Bau-Ergebnisse mich immer wieder neu belohnen. Und auch das Bezahlung dieser Aktion ist tricky: Je mehr gebaut wird, umso teurer werden die restlichen Teile. Das ist auf jeden Fall herausfordernd! Das schöne Dilemma: Je teurer die Aktion, je mehr Ressourcen ich also bezahle, umso mehr Punkte gibt es dafür.
Allein durchs Bauen werde ich am Ende aber nicht die Nase vorn haben. Gerade die variablen Wertungsbedingungen können einem zum Schluss nochmals einen gehörigen Boost geben. Im Spiel sollte man zudem auch die vielen Begleitboni nicht vernachlässigen, egal, ob Mond oder Maler, ob Schriftrolle oder passend aneinander gelegte Karten.
Viel los in Prag also, vielleicht gar zu viel? Das muss jeder für sich selbst entscheiden, denn die eigene Spielerfahrung ist hier nicht ganz unwichtig. Vielleicht hätte das Spiel auch mit einer oder zwei Bonusmöglichkeiten weniger ebenso gut funktioniert, okay, aber ich habe mich, als Vielspieler, nie von Orloj überlastet gefühlt. Das Spiel ist sicher komplex, aber letztlich sind die Aktionen gut verständlich, sobald man die Stellen verinnerlicht hat, an denen man die wichtigsten Informationen auf dem Spielplan findet. Kein Problem also für erfahrene Eurogame-Fans, die bereits ähnlich komplexe Spiele gemeistert haben. Orloj verliert sich für mich glücklicherweise auch nicht in übertriebener Kleinteiligkeit nach dem Wenn-dann-Prinzip.
Die Spielzüge gehen in der richtigen Zielgruppe auch recht schnell von der Hand, einzig das Vorausplanen ist schwierig, insbesondere in Vollbesetzung. Da man sich nie sicher sein kann, wo sich der Zeiger der Uhr bzw. das Ziffernblatt sich im nächsten eigenen Zug befindet, muss man recht flexibel in seinen Plänen sein. Dass eine Aktion gänzlich unerreichbar ist, gibt es in Orloj durch die Manipulationsmöglichkeiten quasi nicht, aber es kann vorkommen, dass man bestimmte Aktionen nur sehr teuer ansteuern kann, indem man beispielsweise sämtliche Abweichungs-Zahnradteile einsetzen muss, sofern sie nicht eh schon beschädigt sind, was einem bei Wertungen und in kommenden Spielzügen dann zum Verhängnis werden kann.
Wer lieber Spiele ohne Optimierungsaufgaben mag, wird Orloj für diese Momente vielleicht weniger mögen als ich. Ja, es kann vorkommen, dass die Person vor mir mir meine vielleicht sinnvollste Aktionsmöglichkeit wegschnappt. Aber letztlich kann ich dann doch eigentlich immer irgendetwas Sinnvolles machen. Ich persönlich mag solche Spielzug-Optimierungen, also aus dem Gegebenen das Beste machen, gern.
Eine Spieldauer zu benennen, ist bei Orloj allerdings nicht so einfach. Das Spielende wird über den vierten Hahnenschrei oder das Komplettieren des Kalenders ausgelöst. Somit liegt dieser Fokus in den Händen der Personen, die das Spiel spielen. Wird das Bauen vorangetrieben, werden häufig Apostel genommen oder doch auch mal gepasst, dann kommt das Ende des Spiels mit jeder Wiederholung immer näher. Zu viert haben wir in etwa 2 Stunden gespielt. Verweigern sich die Personen am Tisch dieser Aktionen, dann kann Orloj länger dauern. Natürlich macht es keinen Sinn, auf sämtliche Aktionen zu verzichten, einfach, weil sie untereinander verzahnt sind, und man ja auch die eigenen Siegpunkte optimieren möchte. Dennoch ist das dann letztlich mein einziger Kritikpunkt an Orloj: Es gibt kein Auffangnetz für Leute, die bewusst komplett "anti" spielen und das Spielende so immer weiter hinauszögern, ganz so, als würde niemand bei Monopoly Straßen kaufen oder bei Azul Fliesen im Raster platzieren, sondern immer nur alle Fliesen gegen Minuspunkte ablegen. Ich gehe aber mal davon aus, dass jeder Interesse daran hat, Siegpunkte zu sammeln, und da offeriert Orloj uns dann verschiedene reizvolle Optionen. Sehr gelungen, finde ich!
In Summe sind das für mich auf jeden Fall sehr gute 8 Kultpunkte, in einer optimalen Runde, in der sich alle auf das Wettrennen einlassen und den Fokus des Spiels im Blick behalten, sogar mit persönlicher Tendenz zur 9. Dass der Mix aus Optimierung, dem Generieren von Boni, dem Erschaffen eigener Wertungsmöglichkeiten und der Punktemaximierung dann auch noch das schöne Prag-Setting hat, kommt mir natürlich sehr entgegen. Das Spielmaterial hält da übrigens gut mit. Für mich ist Orloj auf jeden Fall ein persönliches Highlight im noch gut zugänglichen Expertenspielbereich. Nicht jedes Element ist hier eine Innovation, aber alle Elemente fügen sich zu einem sehr stimmigen Gesamtkunstwerk zusammen, das meinen Spielgeschmack voll und ganz trifft!
VIDEO
Unser Video zum Spiel findet ihr auf YouTube: https://youtu.be/shOy950a_bo
KULTFAKTOR: 8-9/10
Spielidee: 8/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 8/10
EUER REZENSENT
INGO
Vielspieler, Skifahrer, Italien-Fan, Medienheini
Eine Rezension vom 09.11.2025
Bildnachweis:
Coverfoto: Perro Loko Games
Weitere Fotos: Spielkultisten