REZENSION
KITES
- Genre: Familien-/ Aktivspiel
- Jahr: 2023
- Verlag: HUCH! / Flootgate Games
- Autor: Kevin Hamano
- Grafik: Beth Sobel
- Spieler: 2 bis 6
- Alter: ab 8 Jahren
- Dauer: ca. 10 Minuten
- Schwierigkeitsgrad: leicht
- Initiativlevel: 8/10
Drachen im Wind
An einem schönen Herbsttag mit leichter Brise wird der Himmel mit den bunten empor steigenden Drachen zum Schauspiel. In diesem Spiel lasst ihr die Windvögel steigen, doch Vorsicht: Stürzt ein Drachen ab, ist die Show vorbei!
REGELN
Mischt die Drachenkarten und teilt sie gleichmäßig als verdeckte Stapel unter euch auf. Zieht dann jeweils eine der Spielerzahl entsprechende Anzahl an Karten auf die Hand (5 Karten bei 2 bis 3 Personen, 4 Karten bei 4 Personen und 3 Karten bei 5 oder 6 Personen). Die Karten zeigen einen oder zwei farbige Drachen, zu denen es fünf passende Sanduhren mit unterschiedlicher Laufzeit gibt (rot = 30 Sekunden, orange = 45 Sekunden, gelb = 60 Sekunden, blau = 75 Sekunden, lila = 90 Sekunden). Zudem gibt es noch eine weiße Sanduhr (60 Sekunden).
Ihr spielt kooperativ und versucht nun, die Drachen so lange in der Luft zu halten, bis ihr alle Handkarten losgeworden seid. Gespielt wird reihum. Bist du an der Reihe, spielst du eine Handkarte aus und drehst anschließend die entsprechend farbige(n) Sanduhr(en) um. Ist nur ein einzelner Drachen auf deiner Karte zu sehen, darfst du alternativ auch die weiße Sanduhr drehen. Danach ziehst du eine neue Karte von deinem Stapel und die nächste Person ist am Zug.
Da ihr kooperativ spielt, dürft ihr euch jederzeit Tipps geben, z.B. Farben ausrufen, die dringend bedient werden sollten, damit die entsprechende Uhr nicht abläuft. Auch dürft ihr Farben nennen, die ihr selber gut bedienen könnt etc.
Schafft ihr es, alle Nachziehstapel vor euch komplett zu leeren, geht es in die Finalphase. Ab sofort darf die weiße Sanduhr durch das Ausspielen von Karten nicht mehr gedreht werden.
Das Spiel endet und ihr gewinnt die Partie mit einer Bestleistung, wenn ihr es schafft, alle Handkarten loszuwerden, bevor irgendeine Sanduhr abgelaufen ist.
Das Spiel endet vorzeitig, wenn ihr einen Drachen nicht in der Luft halten konntet, also eine Sanduhr nicht mehr rechtzeitig gedreht wurde, bevor der Sand komplett durchgelaufen ist. In diesem Fall zählt ihr eure übrigen Handkarten und die Karten in euren Nachziehstapeln. Eine Tabelle verrät dann anhand der übrigen Kartenanzahl, wie gut eure Leistung einzustufen ist.
Wenn ihr die Schwierigkeit erhöhen möchtet, nehmt auch die Sonderkarten („Herausforderungen“) mit ins Spiel. Es gibt drei verschiedene Arten:
- Ziehst du eine Sturm-Karte, sagst du sofort laut „Ein Sturm zieht auf!“. In deinem nächsten Spielzug musst du diese Karte ausspielen und alle (!) Sanduhren drehen!
- Ziehst du eine Verfangen-Karte, sagst du dies nicht laut an! Stattdessen spielst du die Karte in deinem nächsten Spielzug. Tauscht nun eine Handkarte mit eurem linken und rechten Nachbarn.
- Ziehst du eine Flugzeug-Karte, sagst du dies nicht laut an! Stattdessen spielst du die Karte in deinem nächsten Spielzug. Solange ein Flugzeug offen auf einem Ablagestapel liegt, ist eure Kommunikation gestört, d.h. ihr dürfte nun nicht mehr sprechen und euch Tipps geben. Erst, wenn das Flugzeug dann wieder mit einer anderen Karte verdeckt wurde, dürft ihr wie gewohnt miteinander reden.
GALERIE
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CHECKPOINT
PRO
- spannendes Hektikspiel
- Teamwork als Herausforderung
- schöne Illustrationen
CONTRA
- nicht jeder mag das Spielen auf Zeitdruck
MEINUNG
Ein September in den 80er-Jahren. Ich gehe noch zur Grundschule, Kunst- und Textilgestaltung steht auf dem Stundenplan. Unser Projekt: Einen Drachen basteln! Voller Stolz auf den bunten selbst gebauten Windvogel sollte dann an einem sonnigen Herbsttag die Praxis auf die Theorie folgen, und dieser Tag lehrte mich schnell, dass es da gewisse Diskrepanzen zu geben scheint. Mal war es windstill, mal wieder zu stürmisch. Mal wollte der Drachen nicht abheben, mal stürzte er nach drei Sekunden senkrecht zu Boden - wieder und wieder. Das war so der Moment, an dem für mich feststand: Geduld und ich, wir passen wohl nicht zusammen. Dementsprechend hielt sich meine Freude in Grenzen, als mein Papa in den Herbstferien seinen persönlichen Faible fürs Steigenlassen von Drachen wiederentdeckte und unsere gemeinsame Ferienaktivität auserkoren wurde ... Kurz und knapp: Die Sache endete dann damit, dass Papa viel Spaß mit meinem Drachen auf der Wiese hatte, stundenlang, während ich mich schon längst anderen Sachen widmete, deren Erfolg weniger von äußeren Einflüssen abhängig war.
Zugegeben: Wenn diejenigen, die die Geduld dafür aufbringen oder einfach mehr Geschick dafür haben, ihre High-End-Lenk-Exemplare an einem Herbsttag in die Lüfte abheben lassen und wahrhafte Flug-Kunststücke damit absolvieren, dann übt das auf mich schon auch eine Faszination aus, wenn auch eben lieber aus der Zuschauer-Perspektive.
Kites überträgt nun dieses Thema, das Steigenlassen von Drachen, in schönen Illustrationen auf ein rasantes Hektikspiel. Oh je, irgendwie scheint es, als ob es dieses Spiel schwer haben wird bei mir. Spielen unter Zeitdruck macht mich nervös, mein Gehirn vorknotet sich bei einer solchen Art von Spielen schnell, und wenn dann nichts gelingen will, dann stehe ich oft vor dem alten „Geduld ist nicht meine Stärke"-Problem, mein Frusttoleranz ist da nicht sonderlich hoch. Aber: So wie meine Erinnerungen an alte Zeiten dann letztlich doch auch in Begeisterung überführt werden konnten, so schafft das das Spiel in der recht kompakten Schachtel ebenfalls.
Sanduhren sind dabei ein gern gesehenes Element in Hektikspielen, denken wir da zum Beispiel an Kitchen Rush, ebenfalls ein Echtzeit-Spiel, bei dem die Uhren als Timer für die spielerischen Aktionen dienen. Kites bezieht diese Sanduhren dann aber noch stärker ins tatsächliche Thema mit ein. Da haben wir dann wirklich das Gefühl, die Drachen in der Luft halten zu müssen; der durchlaufende Sand repräsentiert quasi die schwindende Flughöhe. Mit einem gezielten Handgriff lässt sich diese wieder steigern, einfach durchs Umdrehen der Uhr in Kombination mit dem Ausspielen passender Karten. Das ist auf jeden Fall ein kurzweiliges Konzept, bei dem durch die kooperative Spielweise schnell feststeht: Hier ist Teamwork gefragt! Das Spiel funktioniert dabei auch zu zweit, allerdings besitze ich da mehr Informationen über mögliche Folgezüge. Spannender wird es ab vier, noch besser mit fünf oder sechs Spielern. Dann wird die Anzahl der Handkarten verringert, die nötige Kommunikation unter allen Beteiligten aber erhöht.
Welche Uhr läuft gleich ab? Wer kann was als nächstes spielen? Verzögere ich das Ausspielen einer Karte absichtlich, damit eine Uhr nicht zu schnell wieder gedreht wird? Schnelle Entscheidungen, die ebenso schnell zum Absturz führen können. Ja, Übung macht hier den Meister. Gerade anfangs sind gewisse Frustmomente inbegriffen, und doch schafft es Kites, dass man es immer wieder probiert, einfach, um besser zu werden. Hat man irgendwann einmal das perfekte Spiel geschafft, dann lässt die Motivation erst einmal etwas nach, aber auch dann ist Kites ein Spiel, das, mit etwas Abstand, zwischendurch immer wieder gern als lockere Abwechslung auf den Tisch kommt, die richtige Spielgruppe vorausgesetzt.
Da wären wir dann auch beim Kultfaktor. Wie gesagt: Ich selbst bin jetzt kein wirklicher Anhänger von hektischen Spielen, mag Kites aufgrund seiner kurzen Spieldauer und dem eigentlichen Ziel, sich als Team zu beweisen, dennoch. So vergebe ich, trotz der Momente, die mich wieder an die Kindheit denken lassen (Theorie und Praxis, ihr wisst ...), gute 7 Kultpunkte an dieses bunte Spektakel. Die Fans von eben solchen Spielen vergaben in unseren Spielrunden auch noch einen Punkt mehr, sehr gute 8 Kultpunkte - für ein Spiel, das zwar keinen Abend füllen wird, bei dem man meistens nach zwei oder drei Partien auch erst einmal wieder genug davon hat, das aber dennoch einen Reiz beinhaltet, der die Spielschachtel keineswegs im Spielregal verstauben lässt. Das sieht hübsch aus, das spielt sich flott, das ist spannend - und tatsächlich für nicht wenige Personen auch ohne die Herausforderungskarten schon eine Herausforderung, es zu meistern. Eine kleine Perle also für diejenigen, die besondere Aktivspiele mögen, bei denen Konzentration und Reaktion mehr von einem abverlangen, als es auf den ersten Blick scheint!
VIDEO
Unser Video zum Spiel findet ihr auf YouTube: https://youtu.be/On7zP6AgWTw
KULTFAKTOR: 7-8/10
Spielidee: 8/10
Ausstattung: 8/10
Spielablauf: 7/10
EUER REZENSENT
INGO
Vielspieler, Skifahrer, Italien-Fan, Medienheini
Eine Rezension vom 22.10.2023
Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.
Bildnachweis:
Coverfoto: HUCH! / Floodgate Games
Weitere Fotos: Spielkultisten