REZENSION
KING OF MONSTER ISLAND
- Genre: Familie, Taktik
- Jahr: 2023
- Verlag: iello, im Vertrieb von Hutter Trade
- Autor: Richard Garfield
- Grafik: Paul Mafayon
- Spieler: 1 bis 5
- Alter: ab 10 Jahren
- Dauer: ca. 45 bis 60 Minuten
- Schwierigkeitsgrad: mittel
- Initiativlevel: 7/10
Sie sind gekommen, um uns auszulöschen!
Trashige Filme sind nicht erst seit Sharknado voll im Trend. Auch Richard Garfield hat mit seinen Kultspielen King of Tokyo und King of New York insbesondere wegen ihrer launigen Aufmachung das Würfelspiel-Genre gehörig aufgewirbelt und präsentiert nun mit King of Monster Island einen kooperativen Ableger. Bevor wir uns an die Regeldetails wagen, lasst uns ein wenig mit der abgedrehten Story beschäftigen: Die nämlich dreht sich um spektakuläre Bosse, die dabei sind, die ganze Insel zu verwüsten. Mit gewaltigen Schritten nehmen sie Kurs auf das vormals friedliche Eiland. Dabei haben sie nur ein Ziel: alles in Schutt und Asche zu legen. Hilfe, nichts wie weg hier! Jetzt errichten sie auch noch einen Kristallpfeiler, womit es zur Auslöschung des Planeten nur noch ein winziger Schritt ist. Werden wir das überleben?
REGELN
In der Mitte des Spielplans, einer dem Niedergang geweihten Insel, befindet sich das Herzstück des Spiels: ein eindrucksvoller Vulkan, der so konstruiert ist, dass man Würfel hineinwerfen kann, die dann zufällig in die verschiedenen Bereiche der Insel rollen. Einer von mehreren Bossen, die ihr euch zuvor aussucht, treibt auf der Insel sein Unwesen – wahlweise mit normalem oder schwerem Schwierigkeitsgrad, jeder von ihnen ausgestattet mit individuellen Fähigkeiten, und teilweise ganz schön widerstandsfähig. Ihr schlüpft in die Rolle von Monstern, die alles daransetzen, dem Boss Einhalt zu gebieten. Zu allem Überfluss lungern auch noch Schergen auf der Insel herum. Und die stehen der Zerstörungswut ihres Herrschers in nichts nach.
Daneben gibt es Plättchen, Energiebrocken und vieles weitere mehr, doch widmen wir uns jetzt erst einmal dem grundsätzlichen Spielablauf. Auch wenn es vielleicht nicht so wirken mag, folgt King of Monster Island im Kern einem überschaubaren Regelwerk.
Zu Beginn wird geprüft, ob der Boss über eine aktive Fähigkeit verfügt. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass ihr einen Hieb mit der scharfen Klaue abbekommt, wodurch ihr einen Schaden erhaltet. Das entsprechende Rädchen eurer Monstertafel wird dann so gedreht, dass die Schadenspunkte vom Ausgangswert abgezogen werden.
Dann werden die verfügbaren Würfel in den Schlund des Vulkans geworfen, wodurch sie sich in alle Himmelsrichtungen verteilen. Nach der Bewegung des Bosses (in den umliegenden Bereich, in dem sich die meisten Würfel oder – bei Gleichstand – Schergen befinden) werden die Schergen in der Boss-Zone aktiviert. Das bedeutet: Es steht erneut Konfrontation bevor! Denn die Biester haben nichts Besseres im Sinn, als euch eins überzubraten: Soldaten fügen euch einen Treffer zu, während Kanonen allen Monstern in allen Zonen je einen Schadenspunkt abziehen. Schild-Schergen haben keinen Effekt, müssen aber zuerst besiegt werden, ehe ihr den übrigen Schergen zu Leibe rücken könnt. Zu guter Letzt sind da auch noch die lästigen Erbauer-Schergen. Sie fordern euch auf, in der entsprechenden Zone einen Kristall zu errichten, was euch der Niederlage einen Schritt näherbringt. Denn nach jeweils drei Kristallen ist der Bau eines Pfeilers fertiggestellt. Befinden sich drei davon auf dem Spielplan, gilt die Partie als gescheitert.
Als Nächstes werden die Würfel in der Bosszone aktiviert. Heißt: Die darin befindlichen Würfel werden nacheinander abgearbeitet: Würfel, die einen oder zwei Schergen zeigen, bringen entsprechend viele neue Schergen auf die Insel. Ein Stern erhöht die Fähigkeiten des Bosses, wodurch der Rebell zunehmend stärker wird, je länger sich das Gefecht hinzieht. Und Kristalle fordern euch auf, abermals einen Kristall zu errichten. Das gilt es, wie oben bereits erwähnt, tunlichst zu vermeiden.
Jetzt endlich seid ihr selbst am Zug: Insgesamt dreimal dürft ihr mit den sechs großen Würfeln (sowie noch weiteren, je nach Powerkarte) bzw. einem Teil davon würfeln und dann nach dem dritten Wurf das Resultat auswerten. Und das läuft so ab:
- Das Herz bringt euch einen Punkt an Lebensenergie zurück. Den aktuellen Stand solltet ihr stets gut im Auge behalten, denn sinkt der Wert auf 0, gilt die Partie ebenfalls als verloren.
- Mit dem Fuß könnt ihr euer Monster in andere Bereiche der Insel bewegen oder auch einem Mitspieler einen Tritt verpassen, damit dieser in eine benachbarte Zone gestupst wird. Alternativ landet ihr exakt einen Treffer.
- Würfel mit Blitz stehen für Energiebrocken, die als Währung fungieren. Der Wert steigt dabei proportional: Während ein Blitzwürfel gerade mal einen Energiebrocken einbringt, erhaltet ihr für 3 Würfel 6 Brocken und für 5 Würfel sogar stattliche 15.
- Die Klaue fügt zwei Treffer zu. Dabei gilt: Schergen, die sich in eurer Zone befinden, müssen zuerst besiegt werden, ehe ihr dem Boss einen Hieb verpassen könnt. Außerdem haben Schild-Schergen Vorrang vor allen anderen, falls keine Sonderfähigkeit etwas anderes verlangt. Sprich: die müsst ihr zuerst in die ewigen Jagdgründe schicken.
- Würfel mit Ruhmes-Stern bescheren euch einen zusätzlichen Ruhmespunkt. Es ist auch möglich, Ruhmespunkte vom Boss zu klauen und ihm einen roten Würfel wegzunehmen. Das bringt euch einen weiteren Ruhmespunkt ein, macht die Bewegung des Bosses künftig aber auch unberechenbarer.
- Der Schraubenschlüssel schließlich bringt euch Unterstützung auf die Insel. Wenn ihr drei oder vier Würfel mit dem entsprechenden Symbol vor euch liegen habt, legt ihr ein zufällig gezogenes Hilfeplättchen in eure Zone, das ihr nach Benutzung bei Bedarf aufladen und somit neu beanspruchen könnt.
Schließlich lassen sich Würfel auch sperren und in brenzligen Situationen aktivieren, was sich gelegentlich als sinnvolle Idee erweist.
Zu guter Letzt dürft ihr Powerkarten kaufen, die entweder sofortige oder dauerhafte Effekte aufweisen. Bezahlt werden sie mit Energiebrocken. Ist eine Karte vom Markt verschwunden, wird sogleich eine weitere vom Stapel nachgezogen. Ist dies ein Ereignis, wird der dort beschriebene Vorgang ausgeführt.
Das Spiel endet, wenn die Energie des Bosses auf 0 gesunken ist. Leider ist das Spiel auch vorbei, wenn ein Spieler seine Monsterphase mit 0 Herzen beginnt, wenn (wie oben beschrieben) der dritte Pfeiler auf dem Spielplan errichtet wurde oder alle Schergen bereits auf dem Spielplan ihr Unwesen treiben und kein weiterer aus dem Beutel gezogen werden kann.
GALERIE
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CHECKPOINT
PRO
- fantastische Aufmachung
- sehr variantenreich dank Powerkarten und Co.
- schönes kooperatives Spielerlebnis
- mehrere Bosse, jeder mit anderen Fähigkeiten
CONTRA
- hohe Downtime ab vier Spielern
- man kann sehr leicht ein Regeldetail vergessen
MEINUNG
Ich war schon dran, an dieser Stelle einen zornigen Verriss niederzuschreiben, weil die Frustrationstoleranz beim Kampf gegen Lavalord derb ins Minus gerutscht ist: Nichts wollte funktionieren, es war schon das höchste der Gefühle, überhaupt an den Boss ranzukommen, indem meine Mitspieler und ich vorher seine Schergen beseitigten, und ihm dann ein Trefferchen zuzufügen. Weder im Solomodus noch im Team wollte der Hauch eines Triumphes aufkommen, im Gegenteil: Der Boss schien so mächtig, dass unsere Gruppe drauf und dran war, das Handtuch zu werfen und die Insel dem fiesen Herrscher zu überlassen. Pure Resignation. Doch dann fiel plötzlich der Groschen: Meine Mitspieler und ich hatten ein dezentes, aber wichtiges Regeldetail übersehen. Den Unterschied macht das Wort „verfügbar“. Demnach werden nicht in jeder Bossphase alle Würfel in den Schlund des Vulkans geworfen, sondern nur die „verfügbaren“. Das sind diejenigen, die sich nicht auf dem Spielplan befinden, sondern in der vorherigen Bossphase abgeräumt wurden, nachdem ihre Effekte durchgeführt wurden. Und so wurde aus einem deprimierenden Spielerlebnis doch noch eine runde Sache.
Seitdem gefällt mir King of Monster Island tatsächlich recht gut. Das Zusammenspiel aus passivem Zuschauen, welche Fähigkeiten der Boss durchführt, und aktivem Zutun im Kampf gegen die dunkle Bedrohung gestaltet sich äußerst facettenreich, was vor allem an den vielen Kleinigkeiten liegt, die in ihrer Summe ein stimmiges Gesamtwerk ergeben. Erst kann ich nahezu keinen Einfluss auf den Boss nehmen, sondern bin dazu genötigt, seinen Bewegungsabläufen und Attacken demütig zu folgen in der Hoffnung, dass er mich und meine Heldentruppe nicht erwischt. Doch dann endlich, wenn die Würfel in meiner Hand liegen, zeige ich es ihm aber so richtig! Der Energievorrat will immer im Blick behalten sein, also sichere ich mir lieber noch zwei Herzen. Eine Bewegung ist Pflicht, um in die Zone des Bosses zu kommen. Ich würfle erneut mit den übrigen Würfeln. Jetzt habe ich die Möglichkeit für eine Attacke, die mir zwei Treffer erlaubt. Gut, das passt. Es kommen zwei Würfel mit Energiebrocken dazu, die man immer gut gebrauchen kann. Okay, diese Würfelresultate werte ich aus! So in etwa kann man sich das Spielgefühl vorstellen.
Die Kleinteiligkeit, stets alle passiven Aktionen des Bosses im Blick zu behalten, ist manchmal nervig, vor allem in größerer Besetzung. Aus diesem Grund kann King of Monster Island schon zu viert eine Geduldsprobe darstellen. Bis man wieder am Zug ist, kann einige Zeit vergehen. Die Downtime ist umso beträchtlicher, wenn sogar fünf Spieler teilnehmen. Da zwischen jeder Spielerphase auch sämtliche Bewegungen des Bosses penibel durchgeführt werden müssen, entsteht eine lange und zähe Pause. Klar, alle fiebern natürlich mit, ob es gelingt, dem Boss gemeinsam das Handwerk zu legen. Doch diese Achterbahnfahrt der Gefühle ist in kleinen Gruppen wesentlich stimmiger.
Diese Art von Spielen lebt ja für gewöhnlich davon, dass man sich als Gruppe zusammenrauft, ein gemeinsames Abenteuer besteht – und nicht, so wie im vorliegenden Fall, anderen dabei zusieht, wie sie einen Boss platt machen, und man nur darauf wartet, selbst an die Reihe zu kommen. In puncto Spielablauf fällt die Einzelwertung deshalb vergleichsweise gering aus, was auf die schon beschriebene, sehr stark ausgeprägte Passivität zurückzuführen ist. Zumal man schon gut aufpassen muss, um keine Spezialfähigkeiten des Bosses zu vergessen, die Effekte der eigenen Powerkarten versehentlich zu ignorieren oder die Verbündeten-Bögen außer Acht zu lassen, die sich sehr häufig als gute Unterstützung im Gefecht gegen die Tyrannen erweisen.
Wer King of Monster Island als Solospiel begreift oder ein schönes, ausgefallenes Spielerlebnis mit exzellenter Ausstattung sucht, um dieses dann bevorzugt zu zweit oder dritt zu spielen, kommt an Richard Garfields neuester Monsterklopperei nicht vorbei. Um ein Leichtgewicht in der Tradition von King of Tokyo handelt es sich dabei sicher nicht, der Anspruch entsteht durch die Vielzahl an Aktionen. Doch gerade deshalb ist für Langzeitmotivation gesorgt. Und wer alle Bosse besiegt hat, kann sich noch auf eine ultimative Herausforderung stürzen, so viel sei schon jetzt verraten. Und immer dran denken, nur mit den „verfügbaren“ Würfeln zu würfeln. Dann klappt’s auch mit den Bossen!
KULTFAKTOR: 7/10
Spielidee: 8/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 6/10
EUER REZENSENT
CHRISTOPH
Kinder- und Kennerspiel-Spieler, Stefan-Feld-Fan, Im-Sommer-in-jeden-See-Springer
Eine Rezension vom 07.11.2023
Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.
Bildnachweis:
Coverfoto: iello
Weitere Fotos: Spielkultisten