REZENSION

EXTRAVAGANZA

  • Genre: Taktikspiel
  • Jahr: 2023
  • Verlag: Diapason Games
  • Autor: Aaron Vanderbeek
  • Grafik: Cheyne Gallarde
  • Spieler: 2 bis 4
  • Alter: ab 15 Jahren
  • Dauer: ca. 60 bis 120 Minuten
  • Schwierigkeitsgrad: mittel
  • Taktiklevel: 6/10

Shantay, you stay!

Dies ist eure letzte Chance, mich zu beeindrucken und euch selbst vor der Eliminierung zu bewahren! Die Zeit ist gekommen - für euren Lipsync um euer Leben! Leben! Leben! ... Viel Glück, und verkackt es nicht! 

REGELN

Wer die Einleitung in englischer Sprache mitgesprochen hat, der kann sich Extravaganza einfach kaufen. Kein weiteres Lesen der Besprechung notwendig. Gurrrl, byeeeee!

Für alle anderen: Willkommen zu Extravaganza, dem taktischen Spiel, in dem ihr Dragqueens seid und euch eine Lipsync-Battle auf der Bühne liefert, um die Juroren zu beeindrucken und so eine Schönheitskonkurrenz zu gewinnen … oder eine recht bekannte Fernsehshow. 

Hay, gurl, hay! Wir müssen uns alle erst einmal fertig machen, um hier unsere Tanzshow abzuliefern. Das Brett zeigt die Bühne. Den fünf Juror*innen wird je eine der 10 Tanzkategorien zugelost. Aus den Lyric-Plättchen wird das Lied für diese Partie zufällig zusammengestellt. Jedes Feld der Bühne wird mit einem Strassstein belegt.

Sucht euch je eine Dragqueen aus, nehmt euch Karte und Aufsteller dieser Queen, sowie einen Fächer und die Punktemarker der gewählten Tanzkategorien einer Farbe. Spielt ihr mit den individuellen Fähigkeiten der Queens, so dreht eure Queen-Karte einfach auf die Seite mit der Fähigkeit.

Spielt ihr mit Tens Across the Board und Reveals, dann legt für jede Queen noch je ein 10er Plättchen auf jede Juror*in. Jede Queen bekommt auch drei zufällige Reveal-Karten.

Spielt ihr mit den Wünschen der Juror*innen, so legt je einen zufälligen Wunsch unter jede Juror*in.

Derjenige, der beginnt, bekommt die Purse-First-Player-Marker und walks on stage purse first. Reihum platziert ihr eure Queens auf die Bühne, dabei sammelt ihr direkt den Strassstein ein, auf den ihr euch stellt. Es gibt für alle, die nicht anfangen, noch ein kleines Startkapital.

Let’s get this roaster cooking! Bist du an der Reihe, durchläuft du fünf Schritte, also ist das einfacher als ein 8-count.

Am Anfang deines Zuges werden alle leeren Felder der Bühne in deinem Bereich (alle Felder der Farbe, auf der du stehst) mit einem Strassstein belegt. Hast du diese Strumpfhosen selber mit Steinen beklebt?

A park and bark will not do! Also müssen wir uns bewegen. Deine Queen bewegt sich wie eine Königin im Schach, d.h. in alle acht Richtungen, soweit sie mag, in einer geraden Linie. Dann sammelst du den Strassstein ein, auf dem deine Queen landet und alle Strasssteine derselben Farbe, die deine Queen durchschritten hat. Bewegst du dich durch eine andere Queen, musst du ihr einen Strassstein zahlen. Das ist hier schließlich kein Best-Friend-Race!


Wer die Juror*innen beeindrucken will, braucht sickening Tanzmoves. Nimm dir eine Karte von einem der Stapel. Die Karten innerhalb eines Stapels haben alle dieselbe Art und Weise, wie Punkte gemacht werden, aber einige Karten können verstärkt werden. Die Karten haben außerdem Strasssteine in fünf verschiedenen Farben. Die Tanzkarten verschiedener Stapel haben unterschiedliche Wege, Punkte zu machen.

Bevor du die Karte auf deine Hand nimmst, zählst du alle Strasssteine der gleichen Farbe wie auf der gewählten Karte, die du auf anderen Karten der Auslage und deinen gespielten Tanzkarten findest. Jeder dieser Steine gibt dir ein Lippenplättchen.

Okay, Zeit zu tanzen the house down boots! Wenn du möchtest, kannst du eine Tanzkarte spielen. Das Ausspielen kostet ein Paar Strasssteine gleicher Farbe, es muss nicht die Farbe auf der Tanzkarte sein. Einige Karten lassen dich durch ein weiteres Paar oder sogar zwei weitere Paare die Punkte verdoppeln oder verdreifachen. Nun gibt dir die Tanzkarte Punkte, z.B. bekommst du in der Kategorie Runway einen Punkt für jedes Feld, dass du betreten hast und eine durchquerte Queen zählt dabei als 2 Felder. Solltest du also 6 Felder und eine Queen durchquert haben, sind das 8 Punkte, oder mit weiteren Strasssteinen sogar bis zu 24 Punkte. Du hältst die Punkte mit dem Marker der entsprechenden Tanzkategorie fest.

Hast du getanzt, dann darfst du in Schritt 5 jetzt Lipsyncen, also Lyric-Plättchen kaufen. Diese kosten Lippen-Plättchen. Je mehr Lippen ein Plättchen kostet, desto mehr Punkte gibt es dafür. Du kannst mehrere Plättchen kaufen, solange du sie bezahlen kannst und die Reihenfolge der Plättchen im Lied einhältst. Hast du schon Lyric-Plättchen der gleichen Farbe, so geben diese dir nochmals Punkte. Diese Punkte werden alle in der selben Kategorie gesammelt, in der du gerade getanzt hast. Vorsicht, du kannst in einer Kategorie maximal 40 Punkte sammeln. Show us versatility!

10s, 10s, 10s across the board! Spielt ihr mit den 10en und Reveals, dann kannst du dir, wenn du in einer Kategorie innerhalb eines Zuges mindestens 10 Punkte geholt hast, die 10 des entsprechenden Jurors holen. Dies geht nur einmal pro Kategorie. Du darfst jederzeit in deinem Zug eine Reveal-Karte spielen. Die Stärke so einer Karte hängt immer von den gesammelten 10en ab.

Spielt ihr mit den Wünschen der Juroren, so bekommst du immer das Wunschplättchen jedes Jurors, das du erfüllt hast. Du legst es auf deinen Fächer zum passendem Juror, und am Ende deines Zuges werden alle Wünsche wieder aufgefüllt. Oh please, Aladdin’s Genie could never!

Und jetzt hat die nächste Queen ihre Chance, die Juror*innen zu beeindrucken. If you stay ready, you don’t have to get ready!

Ihr battelt euch so bis zum Ende des Songs, d.h. wird das Lyric-Plättchen mit den Zielflaggen für eure Spieleranzahl eingesammelt, so wird noch gespielt, bis alle gleich viele Züge hatten. Jetzt kommen die Kritiken der Juroren.

  • Ihr zählt die Punkte für jede Kategorie zusammen.
  • Habt ihr alle fünf 10er-Plättchen, so wertet ihr eure schlechteste Kategorie noch einmal.
  • Für jede Kategorie, in der ihr mehr Punkte habt als alle anderen Queens, bekommt ihr für den entsprechenden Juror nochmal ein Wunschplättchen.
  • Für jedes Set aus Wunschplättchen (je ein Wunsch jedes Jurors) bekommt ihr 10 Punkte. Dann gibt es noch 3, 4, und 5 Punkte für jeden Wunsch der Gastjuror*innen, Stammjuror*innen und Hauptjuror*in.


Hast du die meisten Punkte, heißt es für dich: You are a winner baby! Und für alle anderen heißt es: Sashay away!

GALERIE

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CHECKPOINT

PRO

  • sehr nah an RuPaul’s Drag Race
  • queeres Thema
  • taktische Entscheidungen
  • variable Tanzkategorien


CONTRA

  • keine Symbole auf den Tanzkarten
  • Formulierungen auf den Karten
  • Queens erscheinen nicht gleichwertig

MEINUNG

Hello, Hello, Hello, endlich müssen wir mal nicht eine funktionierende Wirtschaft aufbauen, irgendwelche Kirchen errichten oder das Meer erforschen. Hier kommt ein Thema, mit dem keiner gerechnet hat. In Extravaganza sind wir Dragqueens, die sich eine LypSinc-Battle liefern. Diese Kunstform hieß vor zehn Jahren noch Playback und war in Europa etwas verpönt, aber Dragqueens haben dies geändert. Zurzeit (Anfang 2024) läuft die mittlerweile 16. Staffel von RuPaul’s Drag Race auf Netflix, und es gibt diverse Spin-Offs wie Drag Race UK, Drag Race Canada, Drag Race Thailand, Philippines, Italy, Spain, Mexico, Down Under, Holland, Belgium, France und endlich auch Deutschland mit der ersten Staffel Drag Race Germany in 2023. Damit kann ich sagen, dass die Queens doch recht erfolgreich sind.

Als Brettspieler bin ich meist nicht so sportlich, dass ich eben locker in den Spagat gehe. Ein Deathdrop wäre mehr drop dead bei mir. Aber keine Sorge, denn bei Extravaganza handelt es sich eher um ein klassisches Taktik- bzw. Strategiespiel, nicht etwa um ein Party- oder Geschicklichkeitsspiel. 

Wir versuchen aus unseren Tanzkarten das Optimum herauszuholen. Die zehn Tanzkategorien bieten sehr unterschiedliche Wege für Punkte. So können diese sich auf etwas beziehen, was alle beeinflussen, wie leere Plätze auf der Bühne, Strasssteine in der Ablage, oder etwas mehr Individuelles, wie Handkarten oder Strasssteine im eigenem Besitz. Die Auswahl der Tanzkarten beeinflusst stark das Spielgefühl. In einer Partie ist die Bühne ständig mit Strasssteinen gefüllt, in einer anderen ist es schwierig, mehr als einen Stein pro Zug zu sammeln. In der nächsten Partie sitzen alle auf ihren gespielten Karten, und in anderen Situationen werden diese ständig als Zahlungsmittel benutzt. Es ist auch interessant, mit den unterschiedlichen Queens zu spielen, da diese recht unterschiedliche Vorteile liefern.

Leider sind nicht alle Queens gleich stark, zumindest wird der Nutzen einiger Eigenschaften nicht so schnell deutlich wie bei anderen. Einige Queens haben sehr eindeutige Vorteile, die sich fast jede Runde gebrauchen lassen, andere haben recht spezifische Effekte, die viel Planung verlangen. Zudem gibt es auch ein paar Formulierungen auf den Karten, die etwas präziser hätten ausfallen können. Was für mich sogar ein großes Manko ist, sind die fehlende Symbole auf den Tanzkarten. Auf jeder Tanzkarte erklärt ein Text die Wertung dieser Karte, was ja gut ist, aber die Karten sind für 4 Personen nicht für alle gleich gut einsehbar, und nicht jede Kategorie hat eine thematisch passende Wertung. Darum hätte ich es wirklich gut gefunden, auf den Karten Symbole zu haben, die mir helfen, mich zu erinnern, wofür es in dieser Kategorie Punkte gibt. Wo wir schon bei den Kartentexten sind, würde ich auch sagen, dass es doch das eine oder andere Mal notwendig ist, bei BoardGameGeek zu schauen, was im Regelforum steht.

Was die Gestaltung aber großartig unterstützt, ist das Gefühl, hier quasi RuPaul’s Drag Race – Das Brettspiel auf dem Tisch zu haben. Die Karten haben super viele Anspielungen auf echte Ereignisse in der Show, so etwas wie die Blütenblätter unter der Perücke, der Kuss des Todes während des LypSincs etc. Die Juror*innen sind auch an die Leute aus der Show angelehnt. Es ist voll der Fan-Service, ohne dabei anderen Spielern im Weg zu sein. Nichts davon muss dir bekannt sein, um das Spiel zu verstehen. Ich finde es auch toll, wie verschiedene Arten von Drag durch die wählbaren Queens repräsentiert werden, von klassischer Schönheitskönigin, über Klamauk, bis hin zu alternativem Drag ist alles vertreten. Ich finde es auch super, dass wir hier ein queeres Thema haben, ohne dass es um Beziehungen oder Sexualität geht. Und ihr bekommt den größten Stoffbeutel aus violettem Samt, den ihr je gesehen habt. Ich kann nur sagen: Opulence, you own EVERYTHING!

Im Basisspiel geht es darum, die Karten und Lippen zu sammeln, bis der richtige Punkt erreicht ist, und dann loszulegen, wobei es auch gut funktionieren kann, einfach jeden Zug etwas zu tanzen, statt einen großen Knaller hinzulegen. Tatsächlich hat es jemand schon geschafft, in einem Zug von 0 auf 38 Punkte in einer Kategorie zu gelangen.
 

Für Vielspieler empfiehlt es sich, schnell zur Vollversion mit den Wünschen der Juror*innen und 10er sowie Reveals zu wechseln. Durch die 10er möchte jeder in jeder Kategorie einmal über 10 Punkte in einem Zug machen. Dies führt direkt zu mehr Planung. Die 10er-Plättchen bringen nicht nur Punkte am Ende des Spiels, sondern auch stärkere Effekte durch die Reveals. Reveals sind einmalige Effekte, die mir schon einen großen Vorteil bringen können. 

Die Wünsche der Jury sorgen dann auch für noch mehr Spannung. Wer geschickt plant, kann hier noch einige Punkte sammeln. Zum einen müssen vielleicht die eigenen Züge angepasst werden, und zum anderen wird es interessant, wie viele Punkte die anderen in jeder Kategorie haben, denn auf einmal wird der höchste Wert in einer Kategorie belohnt.

Extravaganza gibt die Spielzeit mit 60 bis 120 Minuten an, und mit etwas Erfahrung stimmt die Rechnung von 30 Minuten pro Person schon. Extravaganza ist kein seichtes Familienspiel, sondern es kommt darauf an, sich zu überlegen, welche Tanzkarte mit wie vielen Strasssteinen verstärkt werden soll und wo es sich lohnt, beim Lipsync alle Register zu ziehen. Dies ist auch einer der Gründe, warum sich Extravaganza mit unterschiedlicher Spielerzahl so unterschiedlich anfühlt, denn mit zwei Queens auf der Bühne kann ich meist sehen, was die andere vermutlich tun wird und kann planen, was ich als nächstes machen möchte. Wenn ich aber mit vier Queens spiele, so wird sich die Bühne stark verändert haben, bis ich wieder an die Reihe komme.

Extravaganza macht Vieles, was ich schon kenne. Da gibt es Wertungskarten, die zu bestimmten Zeitpunkten gespielt mehr Punkte bringen, es gibt Missionen, und ich muss durch geschickte Bewegung auf dem Brett Rohstoffe sammeln. Zusammen ergibt dies dann ein gutes Spiel, jetzt kein herausragendes Spiel in diesem Genre, aber Extravaganza hat ein ungewöhnliches Thema, das detailverliebt umgesetzt wurde und den Spieler*innen ganz klar etwas anderes bietet als Handel im Mittelalter. Wer die üblichen Themen von Brettspielen leid ist und nicht vor Kennerspielern zurückschreckt, dem kann ich Extravaganza auf jeden Fall empfehlen.

KULTFAKTOR: 7/10

Spielidee: 8/10
Ausstattung: 7/10
Spielablauf: 6/10

EUER REZENSENT

LUTZ

Wahl-Niederländer, Elektrochemiker, Zuvielspieler, Rätselenthusiast

Eine Rezension vom 20.02.2024

Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.

Bildnachweis:
Coverfoto: Diapason Games
Weitere Fotos: Spielkultisten