REZENSION

DER WEISSE HAI

  • Genre: Strategiespiel
  • Jahr: 2020
  • Verlag: Ravensburger
  • Autor: Prospero Hall
  • Grafik: unbekannt
  • Spieler: 2 bis 4
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: ca. 60 Minuten
  • Schwierigkeitsgrad: leicht
  • Initiativlevel: 5/10

Ganz das Original ... oder nicht?!

 Wer den Film schon mal gesehen hat, kennt auch die beiden im Film vorherrschenden Parteien: Captain Quint mit seiner Crew - und den Hai. Beiden Parteien wird im Spiel nun Raum gegeben, zu gewinnen. Doch wer das sein wird, hängt von einer Mischung aus Glück und Taktik ab. 

REGELN

In diesem asymmetrischen Spiel spielt ein Spieler den Hai und die anderen Spieler übernehmen die Posten der Crew (Quint, Brody und Hooper). Allerdings spielen immer alle Charaktere mit, notfalls managt ein Spieler die komplette Crew und der andere den Hai. Und während der Hai halt, wie auch im Film, gewinnt, wenn er, …hmm, … nach und nach die Leute frisst und das Schiff zerstört, gewinnt die Crew, wenn sie den Hai findet und zur Strecke bringt. Gespielt werden zwei Sequenzen: Das Geschehen auf der Insel und das Erleben auf dem Schiff. Insgesamt ist das Spiel nah am Film-Drehbuch gehalten. 

Das Spiel startet mit Akt 1: "Die Insel". Wir befinden uns auf einer Urlauberinsel. Während der Hai unerkannt durch die Gewässer schwimmt und unvorsichtige Badegäste frisst, und sein Sieg tatsächlich auch am Verzehr dieser gemessen wird, versucht die Crew, ihn zu finden. Kein leichtes Unterfangen, selbst bei gelungenem Einsatz der Materialien wie Bewegungsmelder, Bojen, Booten usw. Dabei bleibt der Startaufbau recht einfach. Die Insel samt Strand ist durch weiße Linien in verschiedene Bereiche getrennt. Jede Figur besitzt spezielle Fähigkeiten. So erhält Quint schon mal zwei Markierungsfässer. Brody kann einen Strand schließen, allerdings steht er anfangs im Polizeirevier. Hooper wiederum besitzt einen Fischfinder und startet mit dem Boot vom Dock aus. 

Und der Hai? Der nimmt sich die "Badegäste-gefressen"-Karte, auf der er nach und nach seine Appetitshappen verzeichnet. Akt 1 erinnert, auch durch die Verwendung des verdeckten Bewegungsblockes, unweigerlich an "Mister X". Diese Phase gewinnt der Hai nach gefressenen neun Badegästen. Die Crew aber muss ihn zweimal mit einem Fass markieren. Dann kann er, auch laut Film, nicht mehr auftauchen und das Finale nähert sich.

Der erste Akt wird über mehrere Runden gespielt, die sich auch je drei Phasen zusammensetzen:
- Ereigniskarte vom Amity-Ereignisstapel ziehen und diese sofort ausführen. Diese Karte bringt Schwimmer an den Strand und gelegentlich auch zusätzliche Aktionen für Hai oder Crew usw.
- Der Hai schwimmt. Dafür darf er insgesamt drei Aktionen nutzen, zuzüglich einer Zusatzfähigkeit. Seine Schwimmaktion behält er für sich. Nur wenn er nach seiner Bewegung irgendwelche Badegäste gefressen hat, muss er dies anzeigen, ebenso die Berührung von Bewegungsmeldern usw. Geht der Hai in den Fressrausch, darf er alle Badegäste eines Strandabschnitts fressen. 
- Die Besatzung verteidigt die Insel. In dieser Phase kann jedes Teammitglied bis zu vier Aktionen nutzen, um den Hai zu finden. In welcher Reihenfolge die Crew abgearbeitet wird, entscheiden die Crew-Spieler selbst. Allerdings darf eine Figur ihre Aktion nicht zwischendurch unterbrechen. Die Crew kann sich bewegen, Schwimmer retten Fässer einsammeln oder auswerfen und Zusatzmaterial nutzen.

Sobald eine der beiden Parteien ihre Siegbedingungen erfüllt hat, folgt der zweite Akt: Die Orca.

Das Material des ersten Aktes wird nun zum großen Teil nicht mehr benötigt. Nun wird das Schiff aus den einzelnen Tafeln zusammengesetzt. Der doppelseitige Schiffsspielplan zeigt jeweils eine intakte und eine zerstörte Seite. Der Akt beginnt ganz klar mit der vollständigen Seite. Dabei ist die Anzahl der Unterstützungskarten abhängig vom vorhergehenden Akt. Mittels Würfel attackieren nun Hai und Bootsmannschaft einander. Die Crew schießt auf den Hai und versucht mittels Karten und Würfel die Waffen möglichst zielgerichtet zu platzieren. 

Der Hai wird im Spiel durch drei Auftauchkarten an bestimmte Positionen gezwungen. Eine grundlegende Chance von 1:3, den Hai zu treffen. Andersrum versucht der Hai, den Leuten auf dem Boot trotz des Auftauchens möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und dabei doch das Boot gezielt zu zerstören und die Mannen so ins Wasser zu befördern: Bon Appetit, sag ich da nur. Denn nur im Wasser kann der Hai jagen. Die Crew ist natürlich wenig gewillt, ins Wasser zu fallen und versucht durch geschicktes Platzieren der Leute, deren Leben zu retten. Dabei können Nah- und Fernkampfwaffen genutzt werden. Die Bedienung der Waffen obliegt jedoch den Würfeln. 

Gespielt wird der 2. Akt erneut in Phasen.

- Das Auftauchen des Hais wird vorbereitet, indem die drei Auftauchkarten gezogen und aufgedeckt unterhalb des Spielplans platziert werden.
- Dann entscheidet sich der Hai, wo er auftaucht und ob er seine Spezialfähigkeit nutzt.
- Als nächstes bereitet sich die Besatzung vor. Sie können sich nun auf Deck bewegen, die Waffen aussuchen und die Zielchips auf den möglichen Auftauchpunkten auslegen. 
- Der Hai taucht auf. Alles gerät in helle Aufregung. 
- Die Crew verteidigt sich. Alle vorbereiteten Abläufe werden ausgespielt.
- Als letztes greift dann der Hai an. Er zerstört das Boot an einem an ihn angrenzenden Feld und frisst die Crew-Mitglieder, die sich auf dem gleichen oder einem angrenzenden Feld im Wasser befinden. Allerdings bestimmen die Würfel, ob nur angenagt oder nach mehreren Verletzungen auch der ganze Kerl eliminiert wird.

Eine neue Runde folgt.
Dieser Akt wird so lange gespielt, bis entweder die Mannschaft komplett eliminiert, das Schiff vollständig zerstört wurde oder der Hai so viele Treffer erhalten hat, dass er stirbt.

Die beiden Akte können auch getrennt voneinander gespielt werden, dabei werden die Siegbedingungen allerdings etwas geändert. Ansonsten aber ist es möglich, in diesem Spiel einen ganzen Film mitzuempfinden - als ob es um das eigene Fleisch geht. Entweder als Hai - oder als Mannschaft. Spannend ist das auf jeden Fall.  

GALERIE: Klickt auf die Pfeile bzw. wischt die Fotos nach links oder rechts.

CHECKPOINT

PRO

  • interessante und gute Umsetzung des bekannten Horrorfilms
  •  spannend
  •  70er-Jahre-Flair


CONTRA

  •  das Glück kann entscheiden
  •  stark gruppenabhängig

MEINUNG

Wer den Film kennt, hat mehr Freude am Spiel. Das ist schon mal eine Tatsache, die man nach der ersten Partie verankern kann. Das mit Filmzitaten und Originaldetails gewürzte Spiel ist leichter verständlich, wenn man auf die Geschehnisse im Film zurückgreifen kann. Dieses Wissen verändert das Erleben im Spiel. Dabei muss als erste Hürde erst einmal die Anleitung verstanden werden. Die enthält zwei separate Spiele in einer Schachtel. Das kann verwirren. Also ein Tipp an jene, die sich selbst als Einsteiger empfinden: Einer sollte sich im Vorfeld schon mal ausreichend mit der Anleitung beschäftigen, Video-Material gibt es dazu ebenfalls im Netz. 

Einer der spannenden Punkte im Spiel ist die Tatsache, dass niemand das Ende vorhersagen kann. Im Spiel können beide Parteien gewinnen. Jagdfieber, Fresslust oder Mordlust: Dem Hai wird es nachgesagt. Und Quint? Der deklariert seine Bemühungen anfangs als Schutz, gepaart mit Jagdfieber. Dann wird Rache daraus - oder ist es letztlich nur noch triebgesteuerte Mordlust? Mensch und Tier im Kampf Mann gegen Mann. 

Die beiden Spiele gemeinsam komplettieren das Filmempfinden. Im ersten Akt (eine passende filmische Bezeichnung) stellt Mensch fest, ein Hai kann ungesehen im Meer schwimmen und sich da und dort mal einen Appetithappen suchen. Oft kommt das Stöhnen: müssen die dämlichen Schwimmer gerade da ins Wasser? In "Mister X"-Manier suchen die Crew-Mitglieder den Hai und hoffen darauf, dass er sich in dem doch recht knapp bemessenen Gewässer zwei ihrer Fässer einfängt. Hier hilft nur gute Kommunikation untereinander, die allerdings die unterschiedlichen Fähigkeiten der Charaktere nur bedingt auszugleichen weiß. Es gelingt aber durchaus, dem Hai oft gefährlich nahezukommen und ihm das Gefühl zu geben, dann doch eben mal die Schwanzflosse einziehen zu wollen. Allerdings scheint der Hai im Vorteil zu sein. 

Im zweiten Akt geht es dann ans Eingemachte. Stück um Stück wird das Boot zerstört, der Hai verletzt, die Crewmitglieder angeknabbert usw. Alles läuft auf Würfelbasis. Na gut, Würfel sind wie Wellen, könnte man sagen, aber manchmal kommt bei allzu großem Würfelpech Unmut auf. Spannend bleibt es aber doch lange, denn die Ziele sind klar definiert: entweder Mensch oder Hai. Nur wenige Themen-Spiele schaffen eine spannende thematische Umsetzung, wie es hier gelungen ist - und das zu einem vergleichbaren niedrigen Preis von rund 30 Euro. Ein Themenabend der besonderen Art. 

Zu empfehlen ist das Spiel am ehesten für erfahrenere Familien, Hardcore-Strategen sind eher enttäuscht. Das Regelwerk bleibt, trotz der umfassenderen Seitenzahl, überschaubar mit begrenzter möglicher Einflussnahme. Als "Ab-und-zu-einmal"-Spiel ist das Spiel gut geeignet, für stetes Spiel eher weniger, da die Variablen sich auf Dauer kaum ändern. Das Material ist dabei insgesamt als gut zu bewerten, es transportiert z.B. mit seiner gewählten Schriftart auch das 70er-Jahre-Flair des Film-Vorbildes. In unseren Spielgruppen fand das Spiel dann auch vor allem bei Film-Fans Anklang. 
 
Fazit: "Der weiße Hai" ist eine gelungene Film-Adaption, ein "Mister X" im Horrormodus sozusagen.  Das gefällt besonders den Fans dieses Thrillers, da diese mit Film-Zitaten und den eingeflochtenen Original-Details natürlich mehr anfangen können, was das Spielgefühl durchaus beeinflusst.

KULTFAKTOR: 7/10

Spielidee: 8/10
Ausstattung: 7/10
Spielablauf: 7/10

EURE REZENSENTIN

GABI

Immer-und-Überall-Spielerin, Spieleberaterin, Krankenschwester

Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.

Bildnachweis:
Coverfoto: Ravensburger
Weitere Fotos: Spielkultisten