REZENSION

COSMOCTOPUS

  • Genre: Taktikspiel
  • Jahr: 2023
  • Verlag: Lucky Duck Games, Paper Fort Games, Stone Sword Games (deutsche Version geplant bei Mirakulus)
  • Autor: Henry Audubon
  • Grafik: George Doutsiopoulos
  • Spieler: 1 bis 4
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: ca. 60 bis 90 Minuten
  • Schwierigkeitsgrad: mittel
  • Taktiklevel: 7/10

Putziger Okkultismus

Unsere Visionen sind klar: Wir müssen den kosmischen Oktopus aus dem Tintenreich beschwören, und das, bevor andere es tun, denn der Große Tintige soll uns belohnen. Da gilt es, Tentakel zu sammeln, indem wir uns Rohstoffe organisieren. Rohstoffe schenkt uns der Oktopus während seiner Reise durch das Tintenreich. Wollen wir direkt versuchen, Tentakel durch Konstellationen zu holen oder lieber erst einmal Karten ausspielen, die uns Vorteile während des Restes der Partie bescheren?

Hinweis vorab: Für diese Rezension stand uns die englischsprachige Ausgabe des Spiels zur Verfügung. Eine deutsche Version ist bei Mirakulus unter dem Titel Kosmoktopus über eine Spieleschmiede-Finanzierung geplant. Beachtet bitte, dass einzelne Begriffe der finalen deutschen Übersetzung anders lauten können, als sie in dieser Rezension verwendet werden.

REGELN 

Der Große Tintige verweilt im Tintenreich. Dieses müsst ihr zunächst aufbauen. Im Standardaufbau nehmt ihr ein zufälliges der vier Sonderplättchen und mischt es mit den 8 Standardplättchen. Diese 9 Plättchen werden in einem 3x3-Raster ausgelegt. Es finden sich auch alternative Aufbauten fürs Tintenreich in der Anleitung.

Ihr bekommt alle je ein Galaxie-Tableau, auf dem ihr die Tentakel sammelt. Habt ihr mit 8 Tentakeln den kosmischen Oktopus in eurer Welt verankert, so kommt er zu euch und ihr könnt euch seiner Anwesenheit erfreuen. Aber nun wird der Große Tintige zunächst auf das +3-Sterne-Plättchen gestellt.

Die 4 Karten für den ersten Kontakt werden beiseite gelegt und die restlichen Karten gemischt. 3 Karten werden aufgedeckt. Wie ihr seht, sind die Gaben des Großen Tintigen vielseitig.

Seine Großzügigkeit geht sogar soweit, dass alle von euch je 2 Sterne, 2 Einflüsterungen, 2 Münzen und 2 Tinte erhalten. Je nach Wunsch bekommen alle je 5 zufällig Karten, 3 Karten eines vorgeschlagenen Sets oder ihr wählt Karten nach einem Auswahlsystem (Draften).

Bestimmt, wer anfängt.

Bist du am Zug, schenkt Cosmoctopus dir seine Aufmerksamkeit. Bewege ihn um einen Schritt orthogonal (also nicht diagonal) und nehme dir die Belohnung des erreichten Plättchens. Sollte dir die großzügige Gabe nicht zusagen, so kannst du Rohstoffe (Sterne, Einflüsterungen, Münzen oder Tinte) als Tribut verwenden, um den Großen Tintigen einen Schritt weiter laufen zu lassen. Die Belohnungen im Tintenreich sind immer Rohstoffe oder neue Karten.

Danach darfst du eine Karte spielten. Karten verursachen Kosten, die meistens aus einem festen Rohstofftyp bestehen, z.B. 3 Münzen und eine bestimmte Anzahl undefinierter Rohstoffe, z.B. 3 beliebige. Diese Kosten musst du aus deinem Vorrat bezahlen. Durchs Abwerfen einer Karte der passenden Farbe gibt es Rabatt in derselben Rohstoffkategorie.


Der kosmische Oktopus lässt euch durch 4 verschiedene Kartenarten an seiner Herrlichkeit teilhaben:

  • Schriften lehren euch Sparsamkeit und so könnt ihr Karten günstiger spielen. Sie werden vor euch abgelegt und wirken permanent. Manche Schriften erlauben es euch, beim Spielen einmalig abzutauchen. Es werden alle Schriften und Relikte aus der Kartenreihe abgeworfen. Für jede abgeworfene Karte bewegt sich der Große Tintige, und ihr bekommt die Belohnung.
  • Relikte werden vor euch ausgelegt und gewähren einen permanenten Vorteil. Dies sind z.B. mehr Sterne, wenn ihr Sterne bekommt. Manche Relikte lassen euch noch einmalig eine Karte ziehen.
  • Halluzinationen haben zu Unrecht einen so negativen Ruf. Es sind Nachrichten von Cosmoctopus, mit denen er euch leitet. Diese Karten haben einen einmaligen Effekt, der ausgeführt wird, danach wird die Karte abgeworfen. Manche Halluzinationen erlauben es euch, noch eine Karte zu spielen.
  • Konstellationen ermöglichen es euch, Portale zum Tintenreich zu öffnen und einen Teil vom Großen Tintigen zu euch zu holen. Eine Konstellation wird bezahlt und dann vor euch ausgelegt. Es sind mehrere Rohstoffe darauf zu sehen, die jetzt gesammelt werden müssen. Immer wenn ihr Rohstoffe bekommt und dafür einen Platz auf einer Konstellation habt, könnt ihr sie, statt in den eigenen Vorrat, auf die Konstellation legen. Sind alle Plätze auf der Konstellation belegt, so gibt es einen Tentakel und meist noch einen anderen einmal Effekt. Dann wird die Konstellation abgeworfen.


Wer seinen ersten Tentakel sammelt und somit das erste Mal richtigen Kontakt mit dem Großen Tintigen hat, wird von ihm beschenkt mit einer von 4 Erstkontaktkarten, die alle Kosten von Null haben und dann auf die eigene Hand kommen.

Für 13 Einheiten eines Rohstoffes kann ein noch ausliegendes Verbotenes Wissen gekauft werden, aber für jeden der vier Rohstoffe gibt es nur ein Verbotenes Wissen. Dieses bringt dann direkt zwei Tentakel. Die gute Nachricht: Rabatte durch Schriften und abgeworfene Handkarten funktionieren bei Verbotenen Schriften.

Wichtig: Am Ende deines Zuges musst du jeden Rohstoff und die Karten auf je 8 reduzieren, solltest du mehr als 8 besitzen.

Und jetzt kommt der schwierige Teil: Du musst Cosmoctopus' Kopf so drehen, das er auf die Person schaut, die jetzt am Zug ist. Es schmerzt so sehr, wenn er dich nicht weiter beachtet! Du musst ihn zu dir holen, und zwar endgültig! Hast du als Erster 8 Tentakel gesammelt, kannst du dauerhaft in seiner Liebe baden.

GALERIE

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CHECKPOINT

PRO

  • klare Struktur
  • putziger Cosmoctopus
  • liebevolles Kartendesign
  • Aufbau vs Sprint zum Ziel


CONTRA

  • Erklärung der Sonderaktionen 
  • Timing-Fragen 

MEINUNG

Ich glaube ja, das Team von Cosmoctopus ging zu George Doutsiopoulos, dem Illustrator, und sagte so etwas wie: „Wir haben da so ein Cthulhu-Thema, aber keine Lizenz, und das Spiel ist eher so auf Familie- bis Kennerspiel-Niveau.“ Und George dann so: „Ja, dann machen wir halt süßen Okkultismus.“ Könnte doch so gewesen sein, man weiß es nicht.

Als Spielkultist weiß ich aber, wie putzig die meisten Kultisten sind, aber das ist ja nicht unbedingt die Vorstellung, die die Öffentlichkeit von Kultisten hat. Zum Glück betreibt der Große Tintige (engl.: The Great Inky One) hier endlich Aufklärung, indem er uns schon so putzig von der Schachtel anlächelt. Die Gestaltung wird im Spiel fortgesetzt und ich bin ein Riesenfan davon. Alles sieht so harmlos aus, hat aber diese ominösen Namen mit Endzeitstimmung. Aus der Besessenen Spieldose schaut uns der kosmische Oktopus an, das abgebrochene Bein des Seethrons ist ein Seepferdchen, alle Halluzinationen sind Rorschach-Bilder, und die Schriften haben oft Bezug zu ihren Namen. Die Supernova-Numerologie ist voller Zahlen, und das in Tinte getränkte Grimoire hat schwarze Seiten.

Auch sind die Symbole auf den Karten gut zu erkennen, die meisten leicht zu verstehen, bis auf wenige Ausnahmen, aber zum Glück gibt es ja noch ein kleines Glossar - und das Online-Forum von Board Game Geek. Ja, leider gab es dann doch ein, zwei kleine Fragen, deren Antwort ich recherchieren musste, und zwar zum Timing einiger Karten. Nichts, was ihr am Tisch nicht schnell intern regeln könntet, aber für euch muss ich ja die offiziellen Regeln benutzen und verstehen.

Die andere kleine Hürde beim Erklären sind die kleinen Extrasymbole auf den Karten, die für die verschiedenen Kartenarten unterschiedlich sind. Die Redaktion des Spiels hat sich dagegen entschieden, die Symbole für „eine weitere Karte spielen“ (Halluzinationen), „Untertauchen“ (Schriften), „Verbotene Schrift“ (Schriften) und „Extrakarte“ (Relikte) in den Effektbereich der Karte zu positionieren, was es meinen Mitspielern immer etwas erschwert hat, an diese Symbole zu denken.

Aber insgesamt haben alle am Tisch Cosmoctopus schnell begriffen, da der Ablauf recht gradlinig ist. Den Großen Tintigen bewegen, Belohnung sammeln, Karte spielen. Da die Züge doch manchmal mehrere Effekte auslösen können, ist es praktisch, einen klaren Anzeiger zu haben, wann der eigene Zug vorbei ist, darum sollten alle daran denken, den Oktopus im Anschluss zu drehen. Außerdem ist dies eine weitere Möglichkeit, eure Mitspieler die Liebe des Großen Tintigen fühlen zu lassen.

Züge, in denen mehrere Effekte ausgelöst werden, fühlen sich besonders gut an, und hier kommen wir dann auch endlich zum Spiel selber. Wir bauen uns eine Kartenauslage auf, die verschiedene Strategien erlaubt. Wir können versuchen, schnell den ersten Tentakel zu haben, damit ihr wir noch eine große Auswahl bei den Erstkontakt-Karten haben. Wir können erst Schriften sammeln, damit andere Karten günstiger werden - oder direkt Relikte, und uns auf eine Strategie konzentrieren, die von diesen Relikten unterstützt wird. Weil Cosmoctopus ein Wettrennen ist, ist Timing sehr wichtig. Bauen wir unsere Auslage mit Schriften und Relikten aus, so können wir Tentakel leichter sammeln, fangen damit aber dann erst später an.

Natürlich sind wir auch etwas dem Kartenglück ausgeliefert, gerade bei den Startkarten. Hier gibt es mehrere Abhilfen. Statt fünf zufälliger Karten können auch die vorgefertigten Startkarten-Sets mit drei Karten verwendet oder am Anfang der Partie ein Auswahlverfahren per Draften (ich sage immer: "wie bei 7 Wonders") durchgeführt werden. Dies klappt alles gleichermaßen gut, aber meist haben für mich auch schon die fünf zufälligen Karten gut funktioniert, da diese im schlimmsten Fall für Rabatte abgeworfen werden können. Und bei 60 bis 90 Minuten Spielzeit, wenn alle das Spiel kennen, sind die zufälligen Karten auch kein Problem. Ich fand es immer interessant, aus den gegebenen Karten das Beste rauszuholen, egal ob es gerade eher schlecht oder gut lief.

Die Anleitung bietet dann noch eine Solovariante, die auch als kooperative Variante gespielt werden kann, andere Formationen fürs Tintentreich sowie Portale im Tintenreich für mehr Variation an. Ich bin aber mit dem Basisspiel schon total zufrieden.

Jetzt ist Cosmoctopus sicherlich keine Innovation. Es gibt keinen Mechanismus, der mich besonders überrascht oder dessen Kniff mich aufhorchen lässt. Aber: Cosmoctopus ist eine sehr saubere Umsetzung bekannter Mechanismus mit einem klaren Regelset, spannenden Optimierungsaufgaben und einer fantastischen Gestaltung - 8 Kultpunkte!

Ich wurde übrigens von keiner kosmischen Entität zu diesem Lob gezwungen.

KULTFAKTOR: 8/10

Spielidee: 7/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 8/10

EUER REZENSENT

LUTZ

Wahl-Niederländer, Elektrochemiker, Zuvielspieler, Rätselenthusiast

Eine Rezension vom 05.02.2024

Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.

Bildnachweis:
Coverfoto: Lucky Duck Games, Paper Fort Games, Stone Sword Games
Weitere Fotos: Spielkultisten