REZENSION
CARP CITY
- Genre: Familien-/ Denkspiel
- Jahr: 2025
- Verlag: Moritz Verlag
- Autoren: Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński
- Grafik: Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński
- Personen: 1 (oder mehr)
- Alter: ab 8 Jahren
- Dauer: variabel
- Schwierigkeitsgrad: leicht
- Initiativlevel: 10/10
Die Stecknadel im Karpfenteich
Die Stadt des Tanzenden Karpfens bereitet sich auf das Fest des Siebenarmigen Orang-Utans vor. Doch bis die große Sause starten kann, müssen noch allerhand Dinge erledigt werden. Im Spielbuch voller Wimmelbilder erkunden wir die Stadt, sprechen mit ihren Bewohnern, finden Gegenstände, erleben Geschichten und lösen Rätsel.
REGELN
Das Spiel besteht aus dem großen "Bilderbuch", das die Stadt auf 30 illustrierten Doppelseiten zeigt (ein Lageplan befindet sich am Ende des Buches), sowie dem "Stadtführer" inkl. Rucksack (für gesammelte Gegenstände) und zwei Stichwortlisten. Verbunden sind beide Bücher über Zahlen, die neben Personen, Orten oder Situationen auf den Illustrationen zu sehen sind und zu denen es dann entsprechend nummerierte Texte im Stadtführer gibt.
Carp City ist eine Art Sandbox-Spiel. Die Einführung in die Geschichte lesen wir auf der Rückseite des großen Buches, danach haben wir freie Hand, d.h. wir suchen uns eine beliebige Doppelseite im großen Buch aus, wählen eine beliebige Zahl neben einer Illustration und lesen den dazugehörigen Text im Stadtführer. So werden uns Personen, Orte und Gegenstände beschrieben, die wir entdecken. Manchmal sammeln wir Gegenstände oder Stichwörter ein, die wir im Stadtführer ankreuzen, um sie ggf. an anderen Stellen verwenden zu können. So entspinnen sich dann kleine Geschichten, deren Fortsetzung von unseren bisherigen Erfolgen beim Suchen beeinflusst wird. Fehlt ein Stichwort oder ein Gegenstand, werden wir thematisch weitergeleitet und können später zu der entsprechenden Stelle zurückkehren.
Immer wieder werden uns auch klare Aufgaben gestellt. Da müssen wir bestimmte Personen aufsuchen, um Aufträge zu erledigen oder auch mal ein Rätsel lösen.
Das große Buch verändert Carp City umso mehr, je länger wir spielen, denn in vielen Textabschnitten werden wir dazu aufgefordert, einen Aufkleber von einem der beiliegenden Stickerbögen ins Buch zu kleben. Die Stellen zum Aufkleben sind klar definiert. So verändern sich dann Illustrationen passend zur Geschichte, auch Zahlen werden abgedeckt.
Carp City hat keine vorgegebenen Kapitel. Wir spielen also, wie wir Zeit und Lust haben. Hben wir alle Zahlen erkundet, alle Geschichten gelesen, alle Aufgaben gelöst, kann das Fest beginnen.
Hinweis: Das Spiel ist nur einmal spielbar, da u.a. das Material dauerhaft verändert wird. Die Gesamt-Spieldauer ist schwer zu bestimmen, da jeder sein eigenes Spiel- und Lesetempo hat. Der Verlag nennt aber "viele Stunden" als grobe Orientierung. Dabei ist es egal, ob wir mal zwei Stunden am Stück spielen oder die Geschichte über viele kleine 10-Minuten-Häppchen erleben.
GALERIE
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CHECKPOINT
PRO
- Viele inhaltlich verbundene Wimmelbilder
- Schöne Mischung aus Erkunden, Suchen, Kombinieren, Rätseln
- Perfekt für Familien mit Kindern, aber auch Erwachsene haben Spaß
- Erinnert an typische Point & Click- PC-Adventures
CONTRA
- Erfordert auch mal etwas Geduld
- Kinder können sich noch etwas schwertun, die Sticker exakt aufzubringen
MEINUNG
Carp City lässt bei mir wunderbare Erinnerungen aufkommen. Das große Buch voller Wimmelbilder, die über 30 Doppelseiten eine große Stadt zeigen, lässt mich an meine Kindheit in den 80er Jahren denken, als die Wimmelbild-Werke von Ali Mitgutsch zu meinen ersten Büchern im frühen Kindergarten-Alter gehörten. Da gab es viele Geschichten auf den bewusst überladen illustrierten Seiten zu entdecken, die zum Beschreiben und zum Erzählen anregen sollten.
Gute zehn Jahre später saß ich dann stundenlang vorm PC, um beispielsweise mit Guybrush Threepwood Abenteuer auf Monkey Island zu erleben oder Indiana Jones in The Fate of Atlantis zu unterstützen. Das waren großartige Point-and-Click-Adventures, die einen stundenlang fesseln konnten. Die Spielmechanik bestand darin, sich an die verschiedenen Orte zu begeben, dort, per Mausklick, mit Personen zu sprechen oder Gegenstände einzusammeln, um mit den Informationen und dem Inventar kleine und große Rätsel-Aufgaben zu lösen.
Carp City setzt genau bei diesem Konzept an. Das ist jetzt keines der Brettspiele, wie wir sie hier bei SPIELKULT sonst meistens vorstellen; Carp City ist im Kern ein Solo-Adventure, das aber auch gut kooperativ durchgespielt werden kann. Dabei haben sowohl Familien mit Kindern, als auch Erwachsene ohne Kinder Spaß daran, die Geschichte rund ums große Fest in der Stadt des Tanzenden Karpfens zu erleben.
Umgesetzt wurde das Konzept in Form von zwei verbundenen Spielbüchern. Das "Bilderbuch" macht Eindruck. Die vielen verbundenen Illustrationen im eigenen Grafikstil sind Hingucker, und das wortwörtlich. Was hat uns der Statthalter wohl zu sagen? Warum stehen da so viele Leute in einer Schlange? Warum sitzt da eine Person traurig am Marktstand, und läuft da nicht ein Skelett vor der Stadtmauer auf und ab? Unzählige Nummern lassen uns Texte im Stadtführer lesen, die die kleinen Storys lebendig werden lassen, und die uns vor immer neue Aufgabena stellen. So müssen wir uns öfters in der Stadt zurechtfinden, Personen suchen, auch konkrete Gegenstände finden. Statt Point-and-Click werden gesammelte Infos bzw. das Inventar einfach angekreuzt, was gut funktioniert. Die Texte sind entsprechend verwoben und stellen uns dann vor Abzweige. Habe ich schon Schokolade im Rucksack, lese ich dann beispielsweise an einer anderen Stelle weiter, als wenn ich erst noch die Manufaktur dafür suchen muss.
Sackgassen gibt es nicht, wohl aber mehrere parallele Geschichten, deren Aufgaben sich nicht immer sofort lösen lassen. Multitasking ist da hilfreich – oder auch einfach Geduld. Wenn wir beispielsweise ein Boot benötigen und noch keins besitzen, können wir uns erst einmal um andere Dinge kümmern. Irgendwann werden wir erfahren, wie wir an das fehlende Equipment gelangen.
Dass sich eigene Erfolge auch dauerhaft auf die Illustrationen auswirken, ist ebenfalls ein sehr schönes Element von Carp City. Die Aufkleber der Stickerbögen zeigen uns dann, einmal auf die entsprechenden Buchseiten geklebt, das wir hier bereits wichtige Dinge erledigt haben. So können sich Situationen inhaltlich verändern. Das exakte Aufbringen der Sticker erfordert etwas Fingerspitzengefühl, Kindern fällt das oft noch etwas schwerer, allerdings ist es auch nicht allzu schlimm, wenn so ein Aufkleber mal nicht millimetergenau platziert wurde.
Ein großer Vorteil von Carp City ist das Sandbox-Prinzip. Das Buch ist so konzipiert, dass wir jederzeit überall in die Storys eintauchen können, ohne zeitliche Abfolgen beachten zu müssen. Wir können auf Seite 1 oder auf Seite 30 starten, einfach eine Nummer wählen und loslesen. Wir können mehrere Stunden am Stück oder in vielen kleinen Etappen spielen, was Carp City sehr flexibel macht.
Ich persönlich hatte stets viel Spaß daran, die Welt der Karpfenstadt zu erkunden. Nach kurzer Zeit wird man da zum erfahrenen Beobachter, ja vielleicht sogar gefühlt zum Einwohner dieses fiktiven Schauplatzes. Dabei sollte man wissen, dass das Erleben der Geschichten im Vordergrund steht. Man sollte Spaß am Lesen haben, Spaß daran haben, die Erzählungen aufzunehmen. Wer lieber nur Rätsel an Rätsel reiht, der wird vermutlich eher zu Exit oder, als Wimmelbild-Fan, zu MicroMicro greifen. Bei Carp City gibt es zwar auch spezielle grün markierte Aufgaben, die schnelles Rätseln direkt auf der aufgeklappten Doppelseite ermöglichen, überwiegend geht es aber darum, verteilte Fragmente zusammensetzen, und so etwas kann auch mal etwas Geduld bzw. einen gewissen Mut zur anfänglichen Wissenslücke einfordern.
Auch sollte man natürlich grundsätzlich Wimmelbildern nicht völlig abgeneigt sein, um Spaß an Carp City zu haben. Wem der Grafikstil nicht gefällt bzw. wen solche überladen wirkende Zeichnungen einfach überfordern, könnte das Fest des Orang-Utans gar nicht erst erleben, alle anderen vermag Carp City aber schnell in den Bann zu ziehen. Von meiner Seite eine klare Empfehlung für alle, die gern solo oder kooperativ familiengerechte Geschichten erleben und visuelle Aufgaben erfüllen möchten. Da besitzt das Spielbuch sogar Suchtpotenzial! Ich würde mich definitiv über eine Fortsetzung freuen!
VIDEO
Unser Video zum Spiel findet ihr auf YouTube: https://youtu.be/MvcXB0NxBw8
KULTFAKTOR: 9/10
Spielidee: 9/10
Ausstattung: 9/10
Spielablauf: 8/10
EUER REZENSENT
INGO
Vielspieler, Skifahrer, Italien-Fan, Medienheini
Eine Rezension vom 30.03.2026
Dieser Spieletest wurde unterstützt durch ein Rezensionsexemplar.
Bildnachweis:
Coverfoto: Moritz Verlag
Weitere Fotos: Spielkultisten